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Electricity Is Fiction
anbb im Berghain //
Berlin // 17. September 2010 //



 

 

Wie Faust auf Eimer:

Eigentlich hätte man früher drauf kommen können, daß das passt: den eigenartig dandyhaft gewordenen Blixa Bargeld, mittlerweile ohne Revolutionsdrang im Blick, aber weiterhin zumindest mit einem gewissen Verstörungspotential ausgestattet – jenen Blixa Bargeld also mit Carsten Nicolai (aka Alva Noto) zusammenzupacken, der normalerweise eher für geradezu klinisch „saubere“ Frickelelektronik verantwortlich ist, also eigentlich für das Gegenteil von dem, wofür die Neubauten mal angetreten waren. Und doch: das Ergebnis namens anbb klingt naheliegend und stimmig und vor allem beeindruckend, wenn es in einem Laden, in einem Umfeld, auf einer Anlage wie dem/der des Berghain präsentiert wird.

Blixa als Vokalist – ähnlich seiner rede/speech-Performances auftretend, also mit Sprache und Artikulation spielend, sich selbst mit Loop-Pedalen remixend, rückwärts sprechend und sich dann vorwärts abspielend – und Carsten Nicolai als Erfüllungsgehilfe an der Elektronik. Brachial und präzise zur gleichen Zeit, mit einer erstaunlich reduzierten Anmutung insgesamt vom Bühnenbild bzw. den Projektionen angefangen, weiter über die „Knackigkeit“ des Sounds und den Klang oder vielmehr den Minimalismus der Klänge – aber dann eben auch wieder die stellenweise unfaßbare Lautstärke und das irritierende Moment der Gesamtwirkung der beiden auf der Bühne.

Da stehen zwei Herren auf der Bühne, die ganz haargenau wissen, was sie tun, wie sie wirken, was sie be-wirken, die sich über all ihre Bedeutungsebenen in jedem Moment im Klaren sind (wenn mit einem einzigen Schrei fast das gesamte Publikum schmerzverzerrt die Hände vor die Ohren hält, oder wenn Veruschka – jawohl, von Lehndorff – mit Blixa im Duett um die Wette miaut). Zwei Herren, die einen schocken (oder: beeindrucken) können, ohne böse oder kitschig zu sein, die es also schaffen, daß man später im Thesaurus „krass“ nachschlägt, weil man sich kognitiv weggeblasen gefühlt hat: daran könnten sich ne Menge Bands, ganz egal ob Industrial oder Punk oder Original-Neubauten, gern ein Beispiel nehmen. Nach knapp 80 Minuten bleibt bei denen nämlich bestimmt nicht ausnahmslos das komplette Publikum staunend und verwirrt zurück. (Frank Lachmann)

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© 2010 // Bodystyler ElectroZine //
Text: Frank Lachmann //
Homepage: Myspace.com/anbbalvanotoblixabargeld

 
 
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