Laibach

Spectre Tour // Café Central // Weinheim

07.03.2014 - Ein Gespenst geht um in Europa. Mit Pfiff und Gender-Debatte... Von: Ivo Klassmann

Image I’m here to take you forwards... (Foto: Ivo Klassmann)

Ein Zwischenstopp im nordbadischen Weinheim, auf der Etappe Luzern -> Paris, leuchtet vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick ein. Doch dieses Kaff, idyllisch gelegen zwischen den zwei deutschen Hochburgen parteipolitischer Meinungsbildung, Oggersheim und Seeheim, ist wie kein zweites geschaffen für eine Ordentliche Präsenzversammlung. Das Café Central verteidigt hier seit Jahren seinen äußerst guten Ruf, weit über die Grenzen der Rhein-Neckar-Region hinaus, und als Laibachs letztes Album "Volk" erschien, wurde da fast zeitgleich der örtliche Polizeihauptkommissar Schaber mit "Dem goldenen Stück Scheiße für Grundrechtsabbau" geehrt. Heute beherbergt das Untergeschoss Räumlichkeiten der Jugend- und Sozialarbeit, gefördert vom heimischen Vileda-Wischmop-Imperium.


Ernsthaft geglaubt an einen Auftritt der Slowenen haben wir hier jedoch erst, als wir den riesigen schwarzen Doppelstock-Nightliner auf dem Parkplatz hinterm Haus erblickten. Die große gutsortierte Bar, und der daran anschließende äußerst kleine Saal waren bereits eine Stunde vor Beginn gut gefüllt. Der Verkauf von Devotionalien lief längst schon auf Hochtouren, besonders gefragt waren die neuen Parteiabzeichen und signalrote Damenslips mit einem unmissverständlichem "RAUS!" Print im Bermudadreieck. Das Publikum war eine inhomogene Mischung aus Ü40 Retro-Avant-Garde, Oberlehrern im Pololeibchen, einer niedlichen BibliotheKarin, dem besten Außenreporter der größten Tageszeitung der Region, sowie einer Handvoll Jung-Gruftis in DI6-Shirts. Dazu plätscherte kaum ertragbare Easy Listening Musik aus den Boxen. Das lief dann so noch eine halbe Stunde länger als geplant, bis endlich die Lichter gedimmt wurden. Unter den Klängen des Präludium Te Deum von Marc-Antoine Charpentier, gemeinhin auch als Eurovisions-Hymne bekannt, betrat der Unheilige majestätisch die Bühne... Stop. Auch wenn Gott und der Teufel seit dem Erscheinen von "Spectre" von einer Verweichlichung im Hause NSK und Unvereinbarkeit mit bisherigen Compliance-Regeln unken, hier folgte definitiv kein "Eurovision" Song Contest.


Vieles hat sich geändert in den letzten Jahren, in Europa, in der globalen Politik, und auch bei Laibach. Letztere sind nicht der Versuchung erlegen, ihr Schaffen auf Ewig museal zu zementieren. In den letzten 8 Jahren haben sie sich inhaltlich den neuen Feindbildern angepasst, ebenso musikalisch wie auch körperlich. Die DNA von jungen slowenischen Bands wie Kamerad Krivatoff, Silence und Melodrom wurde assimiliert. Ganz einfach weil Post-Imperialismus und New Economy medial sehr viel subtiler, technischer und leichter wirken, als der gute alte totalitäre Industrial. Milan Fras hat auch als Parteivorsitzender noch immer die Führerrolle inne, praktiziert jedoch erstmals institutionelle Gleichberechtigung und teilt sich, sehr zu unserer Freude, oft das "Rednerpult" mit Mina Špiler. Sie und Luka Jamnik kamen beinahe zufällig in das Ensemble der Volk-Tour, und wirkten damals noch sehr schüchtern, fast wie schmückendes Beiwerk. Inzwischen haben Beide einen Großteil des neuen Albums geschrieben und produziert, und sind extrem brillante Performer auf der Bühne geworden. So wie auch Janez Gabrič, der zum Glück auch wieder heftigst die Drums malträtiert. Neu am Keyboard ist Rok Lopatič. Vom alten Kader ist außer Milan noch Ivan Jani Novak übrig, der auch den neuen Hintergrund-Videos jenen grandios polarisierenden John Heartfield feat. Dadaismus Look verlieh. Die erste Dreiviertelstunde ging es knallhart, in vorteilhaft geänderter Track-Liste, durchs neue Album. Einmal quer durch das Spektrum des pluralistischen Extremismus der Mitte, welcher mittelmäßige Politik als momentanes Mittel zur Verwirklichung seiner Individualität gutheißt, und durch individuellen Wettbewerb untereinander letztlich ein wichtiger Schlüssel für den Erfolg des freien Marktes und der realen gesellschaftlichen Machtverhältnisse ist. Live klingt das Ganze sehr viel härter und stampfender. Spätestens nach "Koran" möchte man sich Laibach nicht mehr ohne das perfekte Wechselspiel von Milan und Mina vorstellen, und "The Whistleblowers" wird bereits von zahlreichen Pfeifen aus dem Publikum mit dicken Backen unterstützt. Die Rekrutierungsmaschine funktioniert wie früher schon, der Einzelne ist Nichts, zusammen haben wir die Macht... "We Are Millions And Millions Are One". Aufgrund der Enge, kann man der Band genau auf die Finger sehen, und es erfreut dabei umso mehr das der extrem gute Sound und Effekte nicht wie schon zu oft aus einer Halb-Konserve kommt. Nur das Feedback der Band zwischen den Tracks kommt aus dem Off, und Milan dreht sich herzhaft amüsiert um, während ein Stimmenverzerrer "You are the best audience. We love you." aus den Boxen brummt. "Resistance Is Futile..."!


Danach brauchen alle eine Pause, der Schweiß tropft bereits zäh von den Wänden. Das kurze Intermezzo wurde per Beamer zeitlich heruntergezählt, und mit Parteibeitrittsaufforderungen im Uncle Sam Style bebildert. Im zweiten Teil des Konzerts gibt's, wie gewohnt, die Klassiker der Band. Den Anfang machen "Brat Moi" und "Ti, Ki Izivaš" als Nachhilfe in Slowenisch, martialen Industrial, und die Historie der Band. Direkt im Anschluss folgt mit der klaren Ansage aus dem Off "No, Heil Hitler. Please.", ein reich bebilderter Schlenker in den sinfonischen Bombast "Under The Iron Sky", um nach "Leben-Tod" dann letztlich der Lieblingsbeschäftigung der Slowenen beizuwohnen. Germanisierte, industrialisierte, umgedeutete Migrationspolitik. Doch nicht die allseits bekannten Cover-Gassenhauer in zackiger Military Pop Ästhetik kommen heut zum Zug, gespielt werden die jüngsten Auseinandersetzungen mit The Normal, Bob Dylan und dem Bluesbrother Blind Lemon Jefferson. Als erste Zugabe gibt's das peitschende Serge Gainsbourg-Cover, weil erfolgreiche Politik stets auch den Fetisch zelebriert. Mina schreit sich lustvoll die Seele aus dem Leib, und der alte Erotomane grinst dazu vom PopArt-Beamer. Mit der Aufforderung "Eins, zwei, drei, vier, Kamerad, komm tanz mit mir..." wird die Schussfahrt durch Kunst und Ideologie finalisiert. Abspann, und das Spiel ist aus. Laibach haben wieder einmal ihr Bestes, ihr bestes Konzert gegeben. Das mag der Opus-Dei-Kleingärtner, welcher jede Weiterentwicklung stets wie Unkraut aus seinem Musikgeschmack zupfte, vielleicht anders sehen. Aber minutenlanger Applaus, knapp 200 glühende Gesichter und synchron pfeifende Stehpinkler im Anschluss sprechen für eine glänzende Demonstration des neuen Manifestes, und der erfreulichen Entwicklung hin zu einer Volkspartei. "Ja, ja, ja. Nein, nein, nein...".

Zugabe:

"Use the language of misunderstanding..." ist eines der verankerten Grundprinzipien der Kunst von Laibach. Dies ist jedoch nicht unbedingt als ein absoluter Lehrsatz für Journalisten zu verstehen. Wie gefährlich, düster, und suspekt Laibach auch Heute noch tatsächlich sind, darüber berichtet Außenreporter Martin Tröster in seinem Artikel für den "Mannheimer Morgen". Die größte regionale Tageszeitung hier, finanziert von der Landesbank Baden-Württemberg, dem Finanzdienstleister Wüstenrot, und in stets enger Zusammenarbeit mit der vom ZDF getragenen Forschungsgruppe Wahlen e.V.. Eben jener Martin Tröster, der ansonsten kuschelige Chorproben und Wahlveranstaltungen mit FDP-Politikern dokumentiert, reflektiert 28 Jahre nach Dietrich Dietrichsens vielzitierten „Laibach. Mutmaßungen über L.“ jenes oben geschilderte Konzert wie folgt: http://goo.gl/E24YdK

Mina ŠpilerLuka Jamnik