Joachim Witt

Filigrane Theatralik und natürliche Größe

19.09.2012 - Joachim Witt war stets ein Mann der großen Gesten und Gefühle und viele seiner Texte kann man als wortgewaltig, unbequem oder ungewöhnlich bezeichnen. Hin und wieder ist er sogar zur rechten Zeit am rechten Ort und landet einen Hit, der nachhaltig in die Musikgeschichte eingeht. Sein neuestes Werk "Dom" zeugt von Erfahrung, scharfem Geist und einem Gespür für bombastischen Pop. Von: Torsten Pape

Image Dom oder Domizil? (Foto: Jim Rakete)

BODYSTYLER: Ich würde dich zunächst gern zum Titel befragen wollen. "Dom" ist ein ebenso kurzes wie großes Wort. Es steht für etwas Herausragendes und Prunkvolles, hält aber natürlich auch sofort einen religiösen Aspekt bereit. Ab wann und wodurch hattest du das Gefühl, mit dem neuen Album etwas Besonderes geschaffen zu haben?
JOACHIM WITT: Die Entstehungsgeschichte erstreckt sich ja über ungefähr zweieinhalb Jahre und es war von Beginn an ein gewisses Experiment, da ich mit diesem Team so noch nicht gearbeitet hatte. Teamarbeit muss nicht immer glücken, aber bei uns hat diese Arbeitsweise von Anfang an voll eingeschlagen. Bereits die ersten vier gemeinsamen Kompositionen konnten sich durchaus hören lassen und schon sehr früh hatte ich ein gutes Gefühl mit dem Album, fühlte, dass ich auf dem richtigen Weg war und das umsetzen konnte, was mir vorschwebte.

BODYSTYLER: Im Artwork - soweit ich es kenne - findet man keine Bilder von Kirchen oder Kathedralen. Wird das auch beim fertigen Album so sein?
JOACHIM WITT: Das wird auch beim finalen Artwork so sein. Ich habe den Begriff "Dom" bewusst aus dem konventionellen, religiösen Umfeld herausgenommen und er steht für mich für Spiritualität. Es geht um die Macht der Selbsterkenntnis und -reflexion, das Erkennen der Kräfte in einem selbst und es soll somit ein alternativer Weg aufgezeigt werden.

BODYSTYLER: Wer des Russischen oder Polnischen ein wenig mächtig ist, dem fällt vielleicht auch noch eine weitere Bedeutung des Wortes "Dom" ein. Dort heißt es so viel wie "Haus" oder "Zuhause", was ich in Verbindung mit dem Album ebenfalls sehr schön finde...
JOACHIM WITT: Das kann man auch gern so benutzen oder verstehen, da ich mich in dem Album sehr zu Hause fühle. Es ist ja auch ein sehr persönliches Werk.

BODYSTYLER: Würdest du zustimmen, wenn ich sage, dass es in deinen Texten oft um ein Kommen und Gehen geht?
JOACHIM WITT: Dem stimme ich definitiv zu, denn es ist so gedacht: Kommen und Gehen, Ende und Anfang. Es geht um ein Lernen und darum, aus dem Tal der Tränen heraus einen Neuanfang zu finden und mit geballter Kraft und Energie neue Ziele anzusteuern. Wenn man aufmerksam lebt und sich nicht durch die alltäglichen Dinge und Gewöhnungsmechanismen einlullen lässt, bewegt man sich auf diesem Weg.

BODYSTYLER: Darf ich dich fragen, in welcher Hinsicht du in deinem Leben bereits angekommen bist und inwiefern du vielleicht noch unterwegs bist?
JOACHIM WITT: Ich bin in vielerlei Hinsicht noch unterwegs, habe aber bereits einige Reflexionen hinter mir, allein durch meine vielfältigen Erfahrungen. Wenn du bereits zwei Drittel deines Lebens hinter dir hast, beschäftigst du dich mit den meisten Dingen anders als vorher. Ich befasse mich intensiver mit mir und meinem Umfeld, mache nur noch das, was mir gut tut. Was mir aus Erfahrung nicht gut tut, beginne ich erst gar nicht. Somit ist das Experimentierfeld in gewisser Hinsicht eingeschränkt, was jedoch nicht bedeutet, dass man nicht trotzdem völlig neue Sachen erschöpfen kann. Man verschwendet vielleicht nur weniger unnötige Energien.

"Man schafft mit seiner Arbeit ja eine Art Kunstform und die muss dann schon über dem Alltäglichen stehen."

BODYSTYLER: In deinen Texten spielst du gern mit dem Maximalen und den Superlativen. Zitate aus "Jetzt geh" sind vielleicht ein gutes Beispiel: 'Fahnenmeer', 'Flut aus Licht', 'Augen der Welt', 'Kraft von Millionen Stimmen', 'Heut' ist der beste Tag deines Lebens.', 'Himmel aus Gold', 'Das Universum hält den Atem an.' etc. Warum gehst du in dieser Hinsicht anscheinend gern an die Grenzen des Vorstellbaren oder Möglichen?
JOACHIM WITT: Das hat ebenfalls mit der Spiritualität zu tun, dass man den Geist so weit beansprucht und Grenzen vielleicht auch sucht. Das Ende der Vorstellungswelt ist manchmal schnell erreicht, aber nur, wenn man aus dem Alltäglichen schöpft. In meinem Beruf führt man ja ein etwas anderes Leben, nicht das eines normalen Erwerbstätigen. Das ist zum einen ein luxuriöser Zustand, zum anderen auch ein ständiger Kampf. Du bist schließlich auf dich selbst gestellt und musst dich ständig selbst behaupten. Man kann diese Fantasiewelt jedoch in jedem Menschen finden, wenn man ihn aus seiner Gewohnheit heraustreibt und Anregungen schafft, sich vielleicht spiritueller - auch im Umgang mit seinen Mitmenschen - zu verhalten.

BODYSTYLER: Von Gewohnheit ist es manchmal kein weiter Weg zur Abhängigkeit. Im Song "Blut" singst du: "Ich stürze die Türme der Abhängigkeit." Was möchtest du mit diesem Bild vermitteln?
JOACHIM WITT: Man muss Gewohnheiten brechen, um ein interessantes Leben leben zu können. Das ist insofern schwer, weil Gewohnheit oft etwas mit Sicherheit zu tun hat. Diese auf's Spiel zu setzen, ist für viele eine sehr gefährliche Vorstellung. Vielleicht ist dafür aber auch nicht jeder geeignet, denn hat jeder nun mal seine eigenen Konstellationen, Veranlagungen und Vorgeschichten. Trotzdem sollte man zumindest versuchen, über Grenzen hinauszuschauen und seinem Leben einen besonderen Sinn zu geben.

BODYSTYLER: Sind Abhängigkeiten denn für dich grundsätzlich etwas Negatives oder sollte man einige von ihnen auch akzeptieren oder gar zu schätzen wissen?
JOACHIM WITT: Abhängigkeiten haben oft dieses tragische Moment, gerade wenn man an Zweierbeziehungen denkt, um die es in diesem Lied geht. Ich würde sie jedoch nicht mit Gewohnheiten gleichsetzen wollen, da diese eher gefühlsarm sind. Überschneidungen sind natürlich immer möglich und gerade auf gesellschaftlicher Ebene muss man oft die Balance zwischen Neuem und Gewohnten finden. Und die absolute Freiheit gibt es ja sowieso nicht.

BODYSTYLER: Der nächste Song, über den ich gern mit dir sprechen möchte ist "Königreich". Am Ende des Songs wird man mit einem Anflug akustischen Wahnsinns konfrontiert. Was symbolisiert dieses atonale Finale für dich?
JOACHIM WITT: Ich finde, dass wir in unserer Gesellschaft die unheimlich schlechte Angewohnheit haben, alles hinzunehmen. Ein Feuer entzündet das andere und die Macht des Geldes spielt die entscheidende Rolle. Die Masse toleriert die politischen Entscheidungen, und es ist nur ein kleiner Kreis, der sich zu Wort meldet und mehr Kontrollmechanismen einfordert. Aus des Volkes Mitte kommt dabei überhaupt nichts und die Politikerriege diskutiert sich halbtot, ohne wirklich etwas zu verändern. Dieser Zustand macht mich extrem unzufrieden und wütend. Um sich ein neues Königreich zu schaffen, muss man ja erst einmal das alte abschaffen. Wenn man es dann neu aufbaut, muss man versuchen, dass wenigstens die meisten ein gutes Gefühl dabei haben. Es braucht neue Gedanken, um zu neuen Ufern zu gelangen und dieser Song symbolisiert diese Aufbruchsstimmung.

BODYSTYLER: Mein absoluter Lieblingssong ist "Licht im Ozean", mit seinen emotionalen Gegensätzen und schönen Bildern, die du in den Text eingearbeitet hast. Ganz banale Frage: Könnte das nicht sogar ein Hit werden? Ich denke, er passt gerade sehr gut zur Befindlichkeit in unserem Land...
JOACHIM WITT: Das kann ich mir auch gut vorstellen und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass das eine Single wird (lacht).

"Es geht um die Macht der Selbsterkenntnis und -reflektion."

BODYSTYLER: Du hast schon immer viele Naturbilder verwendet, aktuell wieder 'Ozean', 'Brandung', 'Sturm', 'Flut', 'Beben', 'Sterne' - weitere Beispiele für eine liebgewonnene Tradition. Magst Du verraten, wie du diese Eindrücke in dich aufnimmst? Nimmst du dir bewusst Zeit, um in den Dialog mit der Natur zu gehen?
JOACHIM WITT: Ich bin schon immer ein sehr naturverbundener Mensch und lebe zeitweise direkt in der Natur, nicht im Wald, aber doch auf dem Land (lacht). Ich liebe die Natur und die Abgeschiedenheit, wenn man mit dieser wunderschönen, natürlichen Geräuschwelt konfrontiert ist. Das sauge ich auf eine meditative Art in mich ein und schöpfe Kraft daraus. So kommen diese Begriffswelten zustande, weil ich den Himmel, die Dämmerung, den Mond, den Sternenhimmel eben genau so wahrnehme. Das finde ich schon seit meiner Kindheit enorm wichtig.

BODYSTYLER: Wenn man deine Texte hört, Interviews mit dir liest oder selbst führt, fällt sofort dein überlegter und gewählter sprachlicher Ausdruck auf. Ist das etwas, auf was du auch in deinem Alltag viel Wert legst oder darf es da auch mal etwas legerer zugehen?
JOACHIM WITT: Im Alltag lege ich da gar keinen Wert drauf. Da bin ich eher sehr entspannt. Das ist natürlich ein gewisser Bruch, aber man schafft mit seiner Arbeit ja eine Art Kunstform und die muss dann schon über dem Alltäglichen stehen.

BODYSTYLER: Wer hat eigentlich deine Biographie verfasst, die dem Album in der speziellen Edition beiliegt?
JOACHIM WITT: Die hat Thomas Bleskin verfasst und sie ist sehr ausführlich geworden. Wir haben viele Stunden zusammengesessen, uns ausgetauscht und er hat es dann zu Papier gebracht. Ich finde, er hat es sehr einfühlsam und kompetent geschrieben. Man merkt, dass er einen inneren Bezug zu meinem Schaffen hat und das ist wohl die wichtigste Voraussetzung, um so etwas zu schreiben. Wenn man zu viel Abstand hat, es zu journalistisch klingt, ist es ja auch nicht so gut.

BODYSTYLER: Was kannst du uns eigentlich zu den verschiedenen Editionen erzählen, die ja noch verschiedene andere Songs enthalten werden?
JOACHIM WITT: Ich blicke da auch erst jetzt langsam durch. Es gibt das Kern-Album, dann eine Doppel-CD, eine limitierte Version und eine Special Limited Edition. Diese Deluxe-Version ist dann die mit der Biographie. Bei den Bonustracks ist zum Beispiel einer dabei, wo ich zum Schlag ausgeholt habe, was den ganzen Bankenwahnsinn angeht. Er heißt "Shut the fuck up". Außerdem findet man drei Nummern aus der Zeit meines England-Aufenthaltes, Gedanken, die ich in der Form wieder verworfen habe, die man nun aber in Demo-Form nachvollziehen kann. Weiterhin hatte ich noch die absolute Ur-Version von "Goldener Reiter", die ich fast besser als die bekannte Version finde, obwohl sie einen englischen Text hatte. Sie ist von 1973 und hat einen wüsten, komischen Sound.

BODYSTYLER: Ein Werk wie "Dom" will natürlich auch live präsentiert werden. Eventuell sogar im Ganzen oder schwebt Dir ein spezielles Konzept vor?
JOACHIM WITT: Man möchte natürlich jedes Mal etwas Besonderes schaffen, was sich von einem üblichen Rock-Konzert abhebt, aber jetzt wird es wirklich ernst. Wir haben eine neue und sehr kompetente Agentur gefunden, die uns den Spielraum gibt, auf der Bühne etwas zu machen, was mehr als normal ist. Ich muss aber auch erst einmal eine neue Band zusammenstellen, da Silly sich ja wieder neu erfunden hat (Joachim hat lange mit den Silly-Musikern zusammengearbeitet, Anm. d. Red.). Wir überlegen uns auch zusammen mit einem Regisseur etwas für die optische Präsentation und sogar die Dramaturgie. Das muss schon Hand und Fuß haben. Ich brauche natürlich weiterhin meinen Spielraum für Improvisationen, da ich nicht jeden Abend das Gleiche sabbeln will (lacht). Wir wollen erstmal zehn Konzerte im Februar spielen, die aber auch nur stattfinden, wenn wir merken, dass der Bedarf wirklich da ist. Diese Aktion mit Starwatch von ProSieben ist diesbezüglich die einzig wahre Aktion, obwohl sie natürlich extrem kommerziell ist. Ich habe so oft in meinem Leben in den Medien und speziell im Radio nicht stattgefunden und dieses Mal kann sich mir keiner entziehen (lacht). Dieses Mal kann MICH auch keiner entziehen, da ich oft das Gefühl hatte, dass das ganz bewusst so geschah, da ich ja nicht immer sehr bequem von den Inhalten her war. Die Leute da draußen erfahren also von mir, ohne dass noch jemand dazwischen Einfluss darauf nehmen kann. Das ist doch das Beste, was passieren kann!

BODYSTYLER: Dann bin ich sehr auf die nächsten Wochen und Monate gespannt und bedanke mich für das tolle Gespräch.
JOACHIM WITT: Ich danke dir auch!