Andrew Poppy

Desorientierung im Kriegsgebiet der Wahrnehmung

18.11.2012 - Melody is an empty chair... Andrew Poppy sitzt zwischen allen Stühlen, er ver- und ersetzt Grenzen. Sein furioses Werk umfasst konzertante Musik, Opern und Partituren für Philharmoniker, Tanztheater, Film und Fernsehen. Gleichzeitig aber arrangiert und produzierte er Post-Industrial-, EBM-, Rock-, Indie- und Synthie-Pop-Bands. Das wirft unweigerlich Fragen auf, nicht nur zu seinem neuen Album… Von: Ivo Klassmann

Image Lagerfeld, kennen wir nicht... (Foto: Philip Marshall)

BODYSTYLER: Perhaps it's a bit early… Aber wir wollten schon immer wissen, ob Du auch für das Arrangement der Bonus-Scheibe "Themes" verantwortlich bist, die dem Psychic TV-Debüt "Force the hand of chance" beilag? Unter welchem Einfluss schreibt jemand Partituren für Menschenknochen, Kopfjägerflöten, Tempel- und Kuhglocken?

ANDREW POPPY: Ich kann mich erinnern, dass ich bei der Produktion an "Dreams less sweet" einige Rhythmusinstrumente, die Templeblocks genannt werden, einsetzte, von denen Gen und Sleazy (Genesis P-Orridge und Peter Christopherson; Anm. d. Red.) sehr angetan waren, weil diese wie Schädel geformt und schwarz waren. Soweit ich weiß, gibt es buddhistische Rituale, bei denen Blasinstrumente aus Knochen verwendetet werden. Seien es nun menschliche oder andere. Beim Track „Circle“ hatte ich damals eine Tenor-Blockflöte eingesetzt, welche beim Überblasen ein paar seltsame Harmonien erzeugte. Gut möglich, dass man das Stück auch auf einem Oberschenkelknochen-Blasinstrument spielen könnte.

BODYSTYLER: Danke! Zurück ins Heute und Gratulation zum neuen Masterpiece. Täuscht der Eindruck oder ist "Shiny floor shiny ceiling" ein sehr persönliches Album? Es gleicht einem nachdenklich düsteren Fluxus, welcher sowohl all die unterschiedlichen, musikalischen Stationen deines Lebens, als auch inhaltlich deine vielfältigen Inspirationen aufzeigt. Ach, und ist „The Wave“ etwa eine Reminiszenz an deine Teenagertage mit den „Kurzwellen“ von Stockhausen?

ANDREW POPPY: Vielen Dank! Wahrscheinlich hinterlässt es einen sehr persönlichen Eindruck. Es ist so. Aber das ist es ja wahrlich immer. Ich denke, vielleicht weil es hier so viel Sprache gibt, haben sich ein paar Dinge geändert. Die Sprache bringt all die persönliche Dinge an die Oberfläche. Mein letztes Projekt Infernal Furniture war eine Serie von Klavierstücken, die sind ebenso persönlich, aber auf eine vielleicht noch viel undefinierbarere Art und Weise. Und ja, in „The Wave“ funken gewiss die Kurzwellen von Cage und Stockhausen. Beide sind sehr wichtige Personen in meinem Leben. "The Wave" ist die Schallwelle, die wave hello, wave goodbye. Und die Welle des Ozeans aus welchem Persephone ruft.

"Die Zeiten ändern sich und bleiben doch gleich. Jeder hat jetzt ein Handy: ein Field Radio."

BODYSTYLER: Just a single note does something… Aus "The subject is of no object" wurde damals "The beating of wings", und aus "32 frames for orchestra" eine erfolgreiche 12”-Single mit Schlagzeug. Stand der Titel des Albums dieses Mal von Anfang an fest und wie klingt eigentlich das lässige "If I Could Copy You" wenn es vom Lambeth Wind Orchestra in der Londoner All Saints Church aufgeführt wird?

ANDREW POPPY: "Shiny floor shiny ceiling" stand als Titel schon geraume Zeit fest. Es war eine Thematik, mit der ich arbeitete. Es geht dabei um Desorientierung. Physische Desorientierung, in etwa so, wie wenn man zu den Sternen hinauf schaut. Ich habe die Stücke nicht direkt auf dieses Thema hin zurecht geschrieben, aber irgendwie haben sie sich dann doch alle darum versammelt. Manchmal splittet sich dann eine kreative Idee auf und geht in zwei verschiedene Richtungen. Es gibt demzufolge zwei völlig unterschiedliche Stücke mit dem Namen "If I Could Copy You". Eigentlich müsste ich das Orchesterstück ja umbenennen. Das verwirrt einen schon! Beide Stücke entstanden aus einem Kernel, im gleichen Tempo, soviel ist sicher, doch dann passierte da irgendwas. Unterschiedliche Verknüpfungen wollten im gleichen Augenblick gelöst werden. Der Titel stammt übrigens aus einer Vorlesung über René Girard’s mimetische Theorie. Diese Ideen sind möglicherweise deutlicher in "If I Could Copy You", welches die Texte enthält und Teil des "Shiny floor shiny ceiling"-Song-Zyklus ist. Aber ich werde schon bald ein Release des anderen Stückes veröffentlichen. So in der Art einer "Shiny: alternative and deleted scenes"-EP. Ich hoffe, irgendwann mal "If I Could Copy You" mit dem String Orchestra of Fábrica aufführen zu können. Das wäre echt toll.

BODYSTYLER: Paul Morley hat einmal gesagt, Du warst der obsessive Einsiedler zwischen The Art Of Noise und Frankie Goes To Hollywood im legendären Label-Universum ZTT. Hatte er damit recht, arbeitest Du tatsächlich am liebsten allein oder pflegst Du deine Art von Repetition mit vertrauten Menschen wie der Performerin Julia Bardsley, Claudia Brücken oder auch Margaret Cameron, die ja vor 17 Jahren schon bei „Ophelia“ dabei war?

ANDREW POPPY: Nun, ich arbeite am Schreibtisch oder am Klavier mit Bleistift und Papier. Später dann arbeite ich in meinem Studio. Manchmal arbeite ich auch direkt mit Pro Tools, aber der Bleistift und Papier-Ansatz ist mir lieber. Die meiste Zeit bin ich ganz glücklich damit, ein Einsiedler zu sein, aber ich arbeite natürlich auch ganz gern mit anderen Menschen. Parallel zur Arbeit im Studio und an Platten habe ich auch immer für's Theater gearbeitet. Meiner Meinung nach ist eine musikalische Darbietung ja auch eine Art des Theaters. In "The beating of wings" waren viele Leute involviert. Wahrscheinlich sogar mehr als bei den meisten ZTT-Releases jener Zeit. Bei "Shiny floor shiny ceiling" war es großartig, mit Margaret Cameron und natürlich wieder mit Claudia zusammenzuarbeiten. Aber es entstanden auch brillante neue Freundschaften mit James Gilchrist und Guillermo Rosenthuler.

BODYSTYLER: Do great songs need to be sung… Na, sicher doch und weil Paul Humphreys gerade nicht in der Nähe ist, verrate uns doch bitte wie Du es immer wieder schaffst, Claudia Brücken an ihre Grenzen zu führen und sie diese stets überflügelt?

ANDREW POPPY: Du verweist damit ja geradezu auf "Another language", jenes Album, das ich vor einer ganzen Weile mit Claudia zusammen gemacht habe. Ich mag es einfach, in jedem Projekt eine Herausforderung zu finden. Für jenes Album hatte ich Songs herausgepickt, die ich als Stücke für Gesang und Klavier oder Tracks für Gesang und Gitarre produzieren konnte. Gestalterisch in etwa so wie die klassische Liedertradition, wo die Begleitung eine Art von Unabhängigkeit beibehält. Wie beispielsweise bei einem Duett. Das Schubert-Lied „Die Nebensonnen“ ist der Schlüssel zu diesem Album. Bei "Shiny floor shiny ceiling" hatte ich bis kurz vor Schluss keine Ahnung wer jedes dieser Stücke singen würde. Ich schreibe sozusagen die Musik zunächst nur für mich und singe dabei alle Stimmlagen. Letztlich wurde mir klar, dass Claudia perfekt für „Dark Spell” wäre. Ich denke, dass sie eine bewundernswerte Vokalistin ist. Sie versteht den Aufnahme-Prozess als solchen. Wie eine große Schauspielerin, die weiß, wie man in die Kamera schaut und wie jene die Szene erfasst. Es war großartig, dass Paul Humphreys (OMD, OneTwo; Anm. d. Red.) sich die Zeit nahm, "Shiny floor shiny ceiling" zu mixen. Es tat richtig gut, wieder mit ihm in einem Studio zu arbeiten. Und wir haben dabei besprochen, hier in Zukunft noch so Einiges zusammen zu machen.

"Es gibt die Möglichkeit zwischen zwei Welten zu wandeln: Der des einsiedlerischen Schreiberlings und der des Performers vor Publikum."

BODYSTYLER: Auf der Suche nach billigem Wein, entdeckten Briten vor Hunderten von Jahren Portugal. Was genau fesselt Dich an diesem Land? Nach Vítor Gonçalves hast Du ja nun mit Lula Pena und Bernardo Devlin zusammengearbeitet und sogar im Atelier RE.AL in Lissabon aufgenommen…

ANDREW POPPY: Die Portugiesen sind sehr gastfreundliche Menschen. Und es ist ein schönes Land. Das Kalifornien Europas! Ich habe dort seit den 80ern Freunde. Vor fünf Jahren machten Bernardo Devlin und ich ein Album zusammen, das ich aufnahm und produzierte. Und wir spielten ein paar Gigs zusammen in Lissabon. Die Plattenfirma verarschte uns dann jedoch und das Projekt verlor sich. So was passiert. Aber Bernardo ist ein fantastischer Künstler, gar keine Frage. Ursprünglich wollte ja Annette Peacock „Unraveling“ singen. Wir sind seit 1987 in Kontakt geblieben, seit wir an „Goodbye Mr G“ arbeiteten. Aber ihr Terminplan erlaubte es leider nicht und so fragte ich Lula Pena. Ich kannte sie nicht persönlich, aber ich liebe ihren Sound seit ich ihn das erste Mal vor zehn Jahren hörte. Ich schickte ihr das Lied, und ab ging‘s dann nach Lissabon, um es mit ihr aufzunehmen. Ich denke, es ist eine wundervolle Bereicherung für das Album.

BODYSTYLER: Princess into martyr, choir girl into hip rock chick… Der Untertitel des Albums verspricht u.a. sieben Stimmen auf der Suche nach einem Song. Müsste es denn nicht eher lauten: Ein Komponist auf der Suche nach sieben stimmlichen Klangfarben, die sich wie weitere Instrumente in seine Songs einfügen?

ANDREW POPPY: Genau. Jede Stimme bringt ihre besondere Geschichte und Kultur ein. Bernardo und Lula sind Portugiesen. Claudia ist Deutsche und Guillermo ist Argentinier. Die drei britischen Stimmen sind jedoch sehr unterschiedlich in ihren Implikationen. Ein simples, gesprochenes Wort kann sich aufgrund seiner Perfomance in mein Gedächtnis einbetten und schon bin ich daran interessiert. Ich fand auch einen Platz für meine "Stimme". Ein Lied ist wie eine Maske für den Komponisten und den Sänger, aber auf sehr verschiedene Weise. Der Sänger sucht nach dem Zentrum eines Liedes, um es zu besitzen. Das Publikum hört / sieht dann diese Person, diese Maske und identifiziert sich mit ihr oder auch nicht. Die Wahrnehmungen bezüglich der Komposition und Aufführung und dem Hören sind alle unterschiedlich. Und was dabei passiert, gibt mir die Möglichkeit zwischen zwei Welten zu wandeln: Der des einsiedlerischen Schreiberlings und der des Performers vor Publikum.

BODYSTYLER: Du hast ja immer mit und für spannende und renommierte Label gearbeitet, eines davon war dein eigenes Bitter and Twisted Records / B TRAP. Warum nun FIELD RADIO Recordings, was machst Du anders?

ANDREW POPPY: Mit dem Label-Namen Bitter and Twisted wollte ich ironisch sein. Die Releases sind sehr klassisch. Musik für Klavier, Violine und Streichquartette. Aber ich wollte auch etwas über die Art und Weise ausdrücken, wie Wut rationalisiert und neutralisiert werden kann. Vielleicht musste es deshalb Bitter and Twisted genannt werden. HA HA HA! Vor kurzem dachte ich dann, dass ich ein positiveres Image haben möchte. Und Radio war immer wichtig für mich, ich mag dieses Eins-zu-eins-Ding. Und wir scheinen uns ja immer in einer Art Kriegsgebiet zu befinden! Und ich bin am glücklichsten in Feldverhältnissen! Als Kind wollte ich Funker sein, als Nachrichtensprecher den Menschen auf der anderen Seite der Welt etwas übermitteln. Ich baute kleine Röhrenradios. Die Zeiten ändern sich und bleiben doch gleich. Jeder hat jetzt ein Handy: ein Field Radio (Weltempfänger; Anm. d.Red.). Tatsächlich habe ich aber meine Demos, die ich in den frühen 80ern machte, alle mit Field Radio signiert. Es ist eine Idee, die ich in jenem Moment für mich gefunden habe.

BODYSTYLER: Then what is it that you would do... Was kommt als nächstes, wird es Aufführungen von "Shiny Floor Shiny Ceiling" auch außerhalb von London oder vielleicht sogar irgendwann mal auf DVD geben?

ANDREW POPPY: Yes, wir arbeiten daran, die Termine in Europa zusammenzubekommen und es gibt schon Pläne für Berlin! Das "Shiny floor shiny ceiling"-Team ist sehr überzeugend und die Show ist eine echte klanglich-visuelle Erfahrung. Eine DVD wird es geben, aber ich bin mir nicht sicher, wann das sein wird. Das Video für "If I Could Copy You" (http://youtu.be/5-fBqqYX0zc) hat etwas vom Geschmack der Show, aber es ist etwas völlig anderes, wenn du da mitten drin bist. Alle Videos sind von Julia Bardsley. Sie ist ein außergewöhnliche Künstlerin und Mediendesignerin. Wir arbeiten jetzt schon seit 20 Jahren zusammen, in einem steten auf und ab, so dass die Ideen nur so sprudeln. Daher freue mich wirklich sehr auf eine Präsentation des Ganzen außerhalb Großbritanniens.

BODYSTYLER: Dann bedanken wir uns für's Interview, und machen mal den flip…

ANDREW POPPY: Vielen Dank für Euere Fragerei. Ich fand’s lustig!