Scream Silence

Heiße Herzen

08.06.2015 - Die Berliner Band Scream Silence veröffentlicht ziemlich genau in der Mitte des Jahres ihr neuntes Album. "Heartburnt" vereint alle Qualitäten, die man am Fünfer schätzen gelernt hat und besticht durch transparente Gitarrenklänge, spannende Rhythmik, eingängige Melodik, gefühlvollen Gesang und ausgefeilte Texte, letztere aus der Feder von Anthony J. Brown, dem inoffiziellen sechsten Bandmitglied. Von: Torsten Pape

Image (Rohr)Post-Punker. (Foto: Annie Bertram)

BODYSTYLER: Ihr habt das Album über ein Crowdfunding-Projekt finanziert und so einen guten Einblick bekommen, wie viele treue Fans Ihr habt, was sicherlich eine tolle Bestätigung und Motivation war, oder?

ROBERT KLAUSCH: Auch wenn man sich eigentlich darüber im Klaren sein könnte, dass es da draußen Menschen gibt, denen Deine Musik wichtig ist, fühlte es sich doch für uns eher wie ein Wagnis an. Wir neigen als Band gern mal zum Understatement und so haben wir mit einer so treuen Fanbase gar nicht gerechnet. Wenn einem so etwas im Leben zuteil wird, dann ist das ein großes Privileg und genauso sehen wir das alle. Man bekommt ein ziemlich direktes Gefühl davon, wie viel von dem, was man transportieren will, auch wirklich bei den Hörern auf emotionaler Ebene ankommt. Einfach unbeschreiblich! Für uns war das Ganze auch unglaublich motivierend, wir sind auf gewisse Weise auch ein wenig aus einer Art Dornröschenschlaf erwacht und geben seitdem richtig Gas, damit alle, die uns unterstützen, auch sehen können, wie sich das direkt auf unsere Arbeit auswirkt. Videodreh, eine richtige Tour, Vinyl-LPs…, das wäre alles ohne die Aktion nicht möglich gewesen.

BODYSTYLER: Da Ihr Euch recht kontinuierlich weiterentwickelt und keine krassen Stilbrüche mitgemacht habt, wäre es interessant, ob es im Laufe Eurer Karriere Punkte gab, an denen Ihr verstärkt neue Fans auf Euch aufmerksam machen konntet? Ich würde ja eher vermuten, dass Eure Anhängerschaft aus den alten Tagen stetig angewachsen ist, oder?

ROBERT KLAUSCH: Ja, auf jeden Fall. Früher hatten wir vom Gefühl her einen höheren Anteil von Frauen im Publikum, mittlerweile gleicht sich das eher aus. Was ich besonders interessant finde ist, dass es im Publikum immer bunter wird, neben den Gothics aus alten Tagen gesellen sich jetzt auch oft ganz normale Menschen hinzu, aber auch echte Metal-Heads und Prog-Rock-Fans sind da jetzt zu finden. Das freut uns ausgesprochen, denn unser eigener Anspruch war es immer, über das ursprüngliche Genre hinaus zu arbeiten und unseren eigenen musikalischen Horizont über diese Genregrenzen hinaus zu erweitern. Und durch die bunte stilistische Mischung unseres Publikums können wir sehen, dass uns dies ziemlich gut gelungen ist.

BODYSTYLER: Es wurde im Vorfeld der Album-VÖ bereits viel von der symbiotischen Verbindung zu Eurem Texter Anthony J. Brown und seine empathischen Fähigkeiten gesprochen. Seine Art, aus Euren Ideen/Textfragmenten einen funktionierenden Text zu formen, ist, denke ich, ein tolles und recht seltenes Talent. Was möchtet Ihr diesebzüglich vielleicht an dieser Stelle noch sagen?

ROBERT KLAUSCH: Uns ist durchaus bewusst, dass diese Symbiose zwischen Anthony und uns ziemlich phänomenal ist und für Außenstehende eventuell kaum nachvollziehbar scheint. Dennoch erleben wir es seit Jahren und wundern uns kaum noch darüber. Erst gestern haben wir wieder gemeinsam an einem neuen Stück gearbeitet. Es ist aber definitiv Anthony, der diese besondere Gabe hat, er ist einfach ein extrem empathischer Mensch. Nach der Veröffentlichung der ersten Interviews mit uns kamen Anfragen von anderen bekannten deutschen Acts, die sofort mit ihm als "Wordsmith" arbeiten wollen. Man darf gespannt sein, wie sich das für ihn weiter entwickelt.

BODYSTYLER: Gab es im Gegenzug zur reibungslos funktionierenden Kreation der Songtexte eigentlich auch Momente, in denen ein solches Projekt mal vollkommen anders ausgegangen ist? Wurden diese "Fehlinterpretationen" dann verworfen oder habt ihr auch aus ihnen noch etwas entwickeln können?

ROBERT KLAUSCH: Seltsamerweise nicht. Wie eben schon erwähnt, sowohl bei unserem anderen Projekt The Whispering Sea als auch bei Scream Silence erkennt er sofort, worum es in einem Song gehen soll oder kann und liest dann die Emotionen von uns wie aus einem Buch. Ich kann das leider nicht besser erklären, aber das ist für uns tägliche Realität. Er gab mir gestern einen neuen Text, der absolut lippensynchron auf ein neues Stück passt und auch inhaltlich komplett auf den Punkt trifft, was ich sagen will. Mein Arbeitstitel hieß "Consequences", sein Text "Three Little Rooms" handelt von Gentrifikation und all seinen Konsequenzen. So geht das schon seit Jahren...

BODYSTYLER: Gab es eigentlich Momente, in denen ihr versucht wart, Anthony auch mal einen älteren Text zum Überarbeiten zu geben? Das wäre doch mal ein spannendes Experiment, oder? In dem Zuge könnte man doch gleich mal an den alten Arrangements feilen und das Ganze zu einer etwas anderen "Best of" verschrauben... (hüstel)

ROBERT KLAUSCH: Ich finde, das ist gar keine schlechte Idee, zumal wir derzeit, auch auf Wunsch bzw. Anfrage vieler Fans über ein Unplugged-Best-Of Album nachdenken, also schon neu interpretierte Stücke aus den vergangenen Alben. Ich denke aber, dass wir textlich, wenn überhaupt, nur Marginales ändern würden, denn das, was wir damals zu sagen hatten, ist uns heute noch genau so wichtig. Auch wenn wir heute vieles eventuell anders ausdrücken würden. (lacht)

"Mittlerweile ist es mir enorm wichtig, wie die Fans unsere Songs wahrnehmen."

BODYSTYLER: Es ist weitläufig bekannt, dass man sich schon mal das Hirn verbrennen kann. Was jedoch muss passieren, damit das Herz verbrennt und gibt es danach Aussicht auf Heilung? Langweilig gefragt: Wie seid Ihr auf den Albumtitel gekommen?

ANTHONY J. BROWN: So viele Leute sind, was ihre Partnerschaften betrifft, so selbstgefällig, dass die Angst vor Einsamkeit und dem damit verbundenen sozialen Stigma dazu führt, dass man sich auf Partner einlässt, mit denen man im Grunde gar nicht zusammen passt. Wenn dann eine solche Partnerschaft in die Brüche geht, fühlen diese Menschen den Verlust entsprechend weniger intensiv als das Gefühl, dieses Geschehen der Welt mitteilen zu müssen. Der Song zeichnet hingegen das Ende einer wahrhaftigen Romanze nach, welche viel seltener anzutreffen und dadurch sehr wertvoll ist. Jeder Moment der Gemeinsamkeit ist ein besonderes Geschenk, der Glanz, den eine solche Gemeinschaft ausstrahlt, ist einfach überwältigend. Eine solche bereichernde Partnerschaft zu erleben, ist einfach großartig und lebensbejahend, aber der spätere, unerwartete Verlust dieser Person ist ein Schicksal schlimmer als der spirituelle Tod. Wenn die Person, die den absoluten Mittelpunkt des eigenen zukünftigen Lebens darstellte, einem plötzlich entgleitet, gibt das dem Selbstwertgefühl einen entscheidenden Knacks, da alle müßigen Tagträume von bevorstehenden Vergnügen zu Staub zerfallen und die Dunkelheit von einem Besitz ergreift. Die Zeit kann eine solche Wunde nicht heilen, sie verlängert vielmehr den Schmerz und der Glaube, dass das Leben nie besser als das bereits Erlebte sein wird, intensiviert nur die Sehnsucht. Da lindern auch all die gut gemeinten, unterstützenden Worte von Freunden und Familie nicht die emotionale Betäubung. Der Titel „Heartburnt“ vereint in sich die vorherrschenden Themen des Albums, welche textlich zehn postmortale Zustände des Herzens beschreiben, vom gepeinigten bis zum besiegten mit dazwischenliegenden, qualvollen Auspeitschungen.

BODYSTYLER: Als erste Single habt Ihr zurecht "Art remains" gekürt. Wie wichtig ist Euch das Gefühl, dass Ihr als Musiker etwas Bleibendes hinterlasst, das vielleicht auch in Jahrzehnten und Jahrhunderten nicht vergessen sein und noch eine Bedeutung haben wird? Wie hat sich dieser Gedanke an ein solches Vermächtnis über die Jahre Eures Bestehens als Band verändert?

ROBERT KLAUSCH: Vielleicht ist es sogar genau das, was die meisten Musiker oder sogar alle Künstler antreibt: Etwas Schönes in die Welt setzen zu können, um diese damit - wenn auch nur geringfügig - zu bereichern. Das ist ein großes Privileg, wie ich finde. Und je älter man wird, desto intensiver wird dieses Gefühl und man nimmt über die Jahre die Verantwortung, die man auch gegenüber seinen Hörern hat, anders wahr. Mittlerweile ist es mir enorm wichtig, wie die Fans unsere Songs wahrnehmen.

BODYSTYLER: Weiterhin ist bereits bekannt, dass Euer erster deutschsprachiger Song "Etwas starb in mir" die zweite Single sein wird. Passt vielleicht auch insofern, da sich ja sowieso schon alle Journalisten wegen seiner Sonderstellung darauf stürzen werden.... (zwinkert) Wann darf man denn mit der Veröffentlichung und dem dazugehörigen Video rechnen und könnt Ihr vielleicht schon ein paar spannende und neugierig machende Details verraten?

ROBERT KLAUSCH: Nein, das ist doch noch geheiiiim! (lacht) Wir haben bereits vor dem "Art remains"-Video das Konzept für "Etwas starb in mir" fertig erdacht. Eins kann ich aber sagen, es werden maximal zwei Darsteller zu sehen sein, im Gegensatz zu "Art remains", wo es knapp 40 waren... Ich hoffe, wir schaffen den Dreh und den Schnitt über den Sommer und können dann Anfang September releasen. Da ja auch noch der Debüt-Release von The Whispering Sea am 28.8. ansteht, wird es sonst alles sehr knapp.

BODYSTYLER: "The seventh sorrow" finde ich allein schon wegen der dem Lied innewohnenden dramaturgischen Berg- und Talfahrt interessant. Was könnt Ihr zur Entstehung dieses Liedes erzählen, das so viele verschiedene Ausdrucksformen, Tempi und Lautstärken in sich vereint?

ROBERT KLAUSCH: Das ist in der Tat äußerst interessant, ist dieser Song doch der erste, den unser zweiter Gitarrist René (Gödde) komponiert hat. Da er sich nicht sicher war, ob seine Idee funktionieren würde, hatte Rob DeVille , unser Co-Producer von "Heartburnt", ihm vorgeschlagen, mit ihm erstmal eine Vorproduktion zu machen, die sie dann an einem einzigen Tag aufnahmen. Als Hardy (Fieting) am nächsten Tag ins Studio kam, fing er sofort an, diesen enorm ausdrucksstarken Refrains einzusingen. Kompliment an René, das war definitiv der Song, der es in der Bandgeschichte am schnellsten sicher aufs Album geschafft hat. (lacht)

"Wir sind auf gewisse Weise auch ein wenig aus einer Art Dornröschenschlaf erwacht und geben seitdem richtig Gas."

BODYSTYLER: Im Titelsong holt Ihr plötzlich ein kleines Gitarrengewitter aus der Tasche, das wirklich erfrischend und knackig klingt, aber leider auch nur von kurzer Dauer ist. Warum habt Ihr dieses Element oder ähnliche Klänge denn nicht noch ein wenig mehr verwendet?

ROBERT KLAUSCH: Ich denke, in der Kürze liegt oft die Würze... Würden wir wieder alles mit harten Gitarren überladen, klänge vieles nicht so vielschichtig und transparent. Und das sage ich als Gitarrist! So eine Gitarrenwand macht eben nur in einem guten dynamischen Kontrast überhaupt richtig Sinn. Das Weglassen muss man bei der Arbeit an den Arrangements erst lernen, inzwischen haben wir aber den Dreh raus, wie ich finde.

BODYSTYLER: Bei "The weeping" hört man einige Klänge, die stark an Eure Anfangstage denken lassen (besonders die elektronischen Elemente und deren Kombination mit den Gitarren). Aber auch generell hat man den Eindruck, dass Ihr Euch neben allen Weiterentwicklungen auch ganz bewusst auf Eure Wurzeln besinnt. Könnte da was dran sein?

ROBERT KLAUSCH: Toll, dass Du das entdeckt hast. Ja, genau darum ging es uns auf "Heartburnt": Die Erschaffung von Neuem mit einem nostalgischen Blick auf unsere frühen Tage. Bei "The Weeping" hört man ganz klar unsere Wurzeln heraus, dieser Song hätte gut und gern auch schon auf einem Album wie "Elegy" oder "Saviourine" gepasst, sozusagen ein Scream Silence-Klassiker. Und irgendwie können wir es auch nicht lassen, ab und an solche tanzbaren Uptempo Stücke mit hohem Wiedererkennungswert zu schreiben, denn auch live machen die echt Spaß. (lacht)

BODYSTYLER: Für das Cover von "Conversation 16" (The National) möchte ich Euch ein dickes Kompliment aussprechen. Wie würdet Ihr den Moment beschreiben wollen, in dem Ihr im Original zum ersten Mal Eure eigene Version gehört habt und wie lange hat es von da an bis zur endgültigen Umsetzung gedauert?

HARDY FIETING: Das ging eigentlich relativ schnell. Wenn einem so ein Song im Kopf rumgeistert - eben der klassische Ohrwurm - denkt man - also zumindest ich - automatisch darüber nach, was man daran noch besser machen könnte. Am Arrangement, am Gesang etc. Ich liebe dieses Stück schon eine ganze Weile, fand aber Matthews Gesang für diesen zynischen Text ein wenig zu verhalten. Wir wollten dem Song ein wenig mehr Leben einhauchen, haben die Gitarren ziemlich verändert und nun klingt er ein wenig frischer als das Original.

BODYSTYLER: Was darf denn der Zuschauer bei den kommenden Konzerten erwarten? Was habt Ihr außer den Live-Aktivitäten und der nächsten Single denn in Sachen Scream Silence noch für dieses Jahr geplant? Außerdem munkelt man ja bereits, dass bei Euren anderen Bands/Projekten auch Neuigkeiten ins Haus stehen. Was ist denn an den Gerüchten dran?

HARDY FIETING: Ja, wie oben schon erwähnt, erscheint Ende August das Debütalbum von Roberts & Rob (deVilles) Projekt The Whispering Sea - wo Anthony auch ausnahmslos die Texte geschrieben hat. Live spielen wir einige Shows, auch unplugged in Vorbereitung auf das Unplugged-Album, was wir im Herbst produzieren wollen. Es gibt Ideen für ein Seitenprojekt von uns für's nächste Jahr, aber noch nichts Konkretes. Und nach dem tollen Erfolg von "Heartburnt" haben wir uns bereits jetzt dazu entschlossen, sicher noch Album Nummer 10 zu machen. Ein tolles Gefühl, wenn man weiß, wie viel Zukunft in dieser Band noch steckt. Es gibt übrigens ein internes Agreement, dass ab jetzt nur noch der Tod ein schlüssiger Grund für einen Ausstieg aus Scream Silence ist. (lacht)