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:wumpscut: "Fledermavs 303"

Hätte man der Electro-Gemeinde vor dem Jahr 2016 erzählt, dass die stete Regelmäßigkeit der Veröffentlichung eines :wumpscut:-Albums zum Osterfest je ein Ende haben könne, so hätten die meisten wohl eher wieder an den Osterhasen geglaubt. Kurz darauf war es dann jedoch soweit: Rudy Ratzinger beendete seine Album-Karriere mit einer Best of-Kopplung, diversen Archiv-Ausgrabungen und Re-Releases. Es war ein Tod auf Raten, aber es kehrte wirklich zunehmend und unerwartet Ruhe ein.
Hätte man uns vor ein paar Jahren erzählt, dass der Ursprung allen aktuellen (Corona-)Übels eine Fledermaus sein würde, so hätten wir wahrscheinlich markerschütternd und schallend gelacht. Doch wie war das mit dem Schmetterling und dem Sack Reis? Genügt nicht oft ein Lufthauch oder eine Kleinigkeit, um andernorts einen Sturm oder ein herzhaftes Gähnen auszulösen?
Nun sind beide höchst unwahrscheinlichen Ereignisse eingetreten und es kommt sogar noch ein drittes hinzu. Es ist Karfreitag 2021 und es liegt doch wieder ein neues :wumpscut:-Werk im Osternest. Aber mal ernsthaft: Hätte wirklich jemand gedacht, dass der Rudy die Finger von den Knöpfen lassen könnte? Angesichts der zugespitzten gesundheitspolitischen Weltlage und dem sicherlich überlaufenden Archiv an Film-Samples konnte der Electro-Wüterich wahrscheinlich gar nicht anders, als erneut seinen bitter-süßen Senf dazu zu geben? Andernfalls wäre er wahrscheinlich geplatzt. Dann doch lieber neues und spitzzüngiges Liedgut unter dem Banner des ultimativen Bösens produziert. Wer braucht schon Thanos oder Darth Vader, wenn es doch die „Fledermavs 303“ gibt?
Natürlich muss die Wiederkehr mit einem Eröffnungstrack gefeiert werden, der einem Paukenschlag gleichkommt. Allein der Titel sorgt bereits für Aufsehen: „Nazi Tabernakel“. Zusätzlich wird auch noch der Polen-Feldzug thematisiert und schon dürften überall die Alarmglocken bimmeln. Doch halt, erklingt dort nicht klar und deutlich ein leicht geschütteltes Sample aus „Time bandits“? „Don‘t touch it! It‘s evil.“ Bei amazon hat man das anscheinend nicht verstanden, denn dort wird der Track bis jetzt nicht geströmt. Vielmehr startet man das Album beim Branchenriesen mit „Dort lieber Herrscher“, basierend auf einem Zitat des Dichters und Denkers John Milton. Beide Opener sind übrigens musikalisch gesehen recht handzahm und glänzen mit erstaunlich melodiösen Zügen. Etwas brachialer geht dann der dritte Track „Tod durch Affen“ zu Werke, was insofern drollig ist, da das Haupt-Sample aus einem Kinder-Animationsfilm stammt. Fast schon folgerichtig werden die Daumenschrauben danach noch mal ordentlich angezogen und mit „Squeal like a pig“ das beklemmende Gefühl rekonstruiert, welches der Film „Deliverance“ („Beim Sterben ist jeder der Erste“) beim Anschauen auslöst. Sanft groovend und bedrohlich kommt nun der „Coronaer“ um die Ecke und auch „Nein Nein (Pest II)“ ist eher atmosphärisch als tanzbar veranlagt. Das Instrumental „Debetty“ knüpft danach an poppige Ausflüge der frühen Bandgeschichte an, bevor mit „My little wartz“ mal wieder genüsslich im medizinischen Wörterbuch geschmökert wird. Auf deutlich andere Weise ist „Schwuler Schwanz“ unterhaltsam, da Herr Ratzinger hier einmal mehr sein humoriges Talent beim Aneinanderkleben und Rekonstruieren von Film-Samples beweist. Das wabernde „Habemus dominum“ beschließt das Album, welches seine Durchschlagskraft eher aus den Zwischentönen und ruhigen Momenten entwickelt. Wer den nächsten Tanzflächenkracher mit Stroboskop-Dauereinsatz sucht, sollte sich eher den älteren Werken zuwenden. (Torsten Pape)

Label Betonkopf Media | 02.04.2021 | Homepage wumpscut.bandcamp.com

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