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Beethoven X "The AI Project"

Wie das Leben so spielt, hatte ich mir gerade die CD vom Interpreten Dark Tenor namens "Ludwig" zum 250. Geburtstag des Maestros aus dem Jahr 2020 besorgt und nun dieses musikalische CD-Wunderwerk der Technik und der KI im schicken aufklappbaren Pappcover erhalten.
Die Deutsche Telekom (zu der ich bald wieder wechsle) hat zusammen mit einem Team aus internationalen Musikprofis, Special Experten für künstliche Intelligenz sowie Wissenschaftlern des Beethoven Hauses Bonn ein großartiges Experiment vollzogen, nämlich nichts Geringeres als die Vollendung der 10. Sinfonie des großartigen Komponisten, die er zwar begonnen hatte, aber kurz vor seinem Tod 1827 leider nicht mehr abschließen konnte.
Früher als jüngerer Musikhörer hat man immer gesagt, dass Klassik nur was für ältere Leute ist, nur nachdem ich in den Bereich der Neoclassic mit Künstlern wie In The Nursery (mit der "Stormhorse"-Platte), Nils Frahm, R. Sakamoto, Max Richter, Olafur Aranalds (mit der CD "The Chopin Projekt"), Anchorage, Ludovico Einaudi, Stoa oder jüngst Christian Löffler (mit der CD "Parallels - Shellac Reworks") und vielen anderen aus der Richtung eingetaucht bin, habe ich da eine andere Meinung bzw. musste meine persönliche Meinung revidieren. Klassik (nicht alle und jede) ist für mich nun einfach zeitlos und von fast jedem zu konsumieren.
Zudem besinnen und berufen sich viele Künstler der heutigen Zeit auf die Klassik-Protagonisten von damals und interpretieren deren Klassiker in die heutige Zeit.
Nun zu dem sehr ambitionierten Projekt, denn seit dem Tode des Meisters trägt die in handschriftlicher Skizzenform vorverfasste Notation seiner 10. Sinfonie nur den Zunamen "Die Unvollendete" und man fragte sich sicher, wie hätte sie denn nun geklungen, die 10. Vollendete Sinfonie und hätte diese neue Version Beethoven gefallen? Ob das Ergebnis nun von Beethoven selber so in der Art komponiert worden wäre, sei dahingestellt, das werden wir auch nie erfahren. Aber mit den formvollendeten Methoden der KI wurde das Werk nun möglichst kreativ vollendet und zeigt wieder mal, wie weit die Zusammenarbeit und Inspiration von menschlicher und künstlicher Intelligenz bereits eingesetzt werden kann. Zum Glück lassen die Produzenten wohl weißlich das Genie Beethoven außen vor und stellen seine großartige, musikalische Schaffenskraft nicht in Frage. Das sagt auch Matthias Röder, Direktor des Karajan Instituts aus Salzburg, der das KI Team geleitet hatte. Dabei war auch The Mindshift, eine Institution, die sich dem Ausloten neuer technischer Möglichkeiten an der Schnittstelle Musik, Kunst, Technologie verschrieben hat. Das Experiment zeigt aber auch, wie sich menschliche Kreativität und technische Intelligenz wunderbar kombinieren und diese "nur rein mögliche" hypotethische Version der "Unvollendeten" entstehen lassen.
Klar kann man sich die Frage stellen, ob der Versuch von Programmierer und Wissenschaftler, eine Beethoven KI zu entwickeln, zukunftsträchtig erscheint. KI steht natürlich für künstliche Intelligenz und die Idee dahinter war, einen Computer mit Informationen wie kompositorischer Musik von Beethoven, Mozart, Haydn, Notenfolgen, die bereits für die 10. notiert waren, Wörter, spirituelle Gedanken zu füllen, bis er so komponiert wie einst Beethoven, um eben diese 10. Sinfonie zu vollenden. Damit wurde ein Erkenntnishorizont geschaffen, was für die KI als Allgemeinwissen, Wissen Beethovens und unbekanntes Zukunftswissen zu begreifen ist. Beim Enstehungsprozess kamen ca. 300 Versionen eines Motivs vom PC und die Beteiligten entschieden dann, welche Variationen weitergeführt werden und spielten den Ball sozusagen zurück, für weitere kreative ca. 100 Ergüsse des Computers. Es war also eine Art Ping-Pong-Spiel zwischen Mensch und Maschine. Das ist faszinierend, denn wenn es algorithmisch gut gemacht wird, ist jeder weitere Versuch plausibel. Aber vor allem sieht man, dass ohne die Eingaben und Vorgaben vom Wiener Komponisten und Filmmusiker Walter Werzowa und der Technik vom Tim Höttges (CEO der Telekom) dieses Stück gar nicht hätte entstehen können. Von daher haben die Maschinen "noch lange nicht über uns gesiegt"! (wie uns manche Kinoblockbuster weismachen wollen)
Die 10. Sinfonie ist auch nicht ein beliebiges Stück, sondern schon ewig lange eine musikalische, "offene Stelle", nach der weltbekannten und fulminanten 9. Sinfonie des Meisters mit dem Schlusschor "An die Freude"!
Das ist nun vorbei und das Bonner Beethoven Orchester unter Leitung von Dirk Kaftan wird u.a. im "Geiste Beethovens" die zwei Sätze im Telekom Forum Bonn uraufführen. Unter anderem taucht sogar im vierten Satz eine Orgel auf, die von "Promo Orgler" Cameron Carpenter eingespielt wurde und den spirituellen Charakter betonen soll. Die Orgel ist sozusagen die Schlussfolgerung aus der Interpretation seiner Skizzen und soll einen überraschenden Moment interpretieren, den man von Beethoven durchaus erwarten könnte, sagte Walter Werzowa dazu. Dann lassen wir uns mal überraschen, wie das Ganze in der "Klassik Kenner Szene" aufgenommen wird. (Sven Hauke Erichsen)

Label Modern Recordings / BMG | 08.10.2021 | Homepage www.magenta-musik-360.de/beethoven-10-sinfonie

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