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Klack "Introducing The 1984 Renault Le Car"

Ich möchte ganz offen und ehrlich mit Ihnen, lieber Freund der elektronisch-emotionalen Tanzmusik, sein und mich gleich zu Beginn als jemand outen, der in seinem ganzen musikalischen Leben, das sich mittlerweile auch bereits im vierten Jahrzehnt befindet, vielleicht vier oder fünf Rezensionen gelesen hat, um genau diese zum Anlass zu nehmen, das besprochene Werk hernach käuflich zu erwerben. In der Regel reichten die wortkarge Empfehlung ("geil") eines wohl beleumundeten Bekannten, der Klappentext im Papierkatalog, der Backcatalogue, der gelegentlich einer Schallplatte beilag oder das ominöse, wie selten fehl liegende Bauchgefühl. Und jetzt? Was mache ich hier?
Nun, in Zeiten des Überflusses, des Überangebotes, der informationellen Überforderung möchte ich in dieser digitalen Oase des Bodystylers Ihr Freund sein, der Ihnen bei aller gebotenen Vorsicht aufgeregt juvenil mit einer neuen Scheibe entgegenhüpft bis man gemeinsam die Nadel von einer heißen Stelle zur nächsten hebt und sich zuprostet.
Es mangelt mir an fachmusikalischen Begrifflichkeiten und wenn ich von treibenden, knochentrockenen Beats, träumerischen Flächen, epileptischen Arpeggios, stimmlichem Schmelz schriebe, müsste ich mich selbst mit einem (mit Pudding besudelten) Löffel entleiben.
Bevor ich mich allerdings aus dem Tal der altersbedingten Saturiertheit und Griesgrämigkeit ans Lagerfeuer der Empfehlung erhebe, sitze ich wie Clint Eastwood in „Gran Torino“ mit meiner M1-Garand und beobachte kritischen Blickes und Ohres, zumeist gleichsam grundangewidert, was sich anschickt, meinen musikalischen Vorgarten zu betreten.
Schießen oder nicht? Erst mal nur ins Knie und schauen, wie es sich windet und Überlebenswillen beweist? Nur die Harten kommen schließlich in den Garten.
Harte Leute sind Eric Oehler und Matt Fanale aus den USA und ihre Formation Klack allerdings beileibe nicht. Und eigentlich ist die hier vorliegende E.P., die zumindest rein digital (und in Kleinstauflage als MC) schon 2019 dem geneigten Hörer feilgeboten wurde, auch gar nicht mehr neu. Doch erst im Sommer 2021 hat es das Werk wirklich als in der gemeinhin unter Tonfreunden akzeptierten Vinyl-Form hinein in die physische Welt geschafft. Nur das zählt. Klack, also. Klack seien ein Gemischtwarenladen sagte mir einst jemand und ganz Unrecht hat er natürlich nicht. Es wird gewildert, man interpretiert neu und und wandert von Robert Palmer zu The Shamen oder sogar zu Technotronic. Wobei die Hommagen bislang vor allem rein digital zur Verfügung standen. Auf "Introducing The 1984 Renault Le Car" befinden wir uns komplett in den ausklingenden 1980er Jahren. Es EBM-t noch gar sehr, aber ist das nicht auch jede Menge New Beat, der da strukturell zwischen all den Samples vorklingt? Tatsächlich! Und Samples – überall sind sie und verleihen den warm klingenden Sequencern à la Tribantura neben jeder Menge metallischer Perkussion zusätzlich Textur. Sobald gesungen wird und das passiert nicht in jedem Stück, fühle ich mich gelegentlich an Fortification 55 erinnert, was, wenn man das mag, gut ist. Höhepunkt ist für mich "Lost Without You", ein Stück über Zwischenmenschlichkeiten, womit sich die beiden offensichtlich gerne leidend auseinandersetzen, wie schon zuvor bei "Coup De Grâce" von ihrem Vinyl-Erstling "Do You Klack?". Für die zahlt man mittlerweile schon Sammlerpreise. Und auch hier deutet sich Ähnliches an. Wer es sich einfach und günstig machen möchte, kauft sich die auf 500 Stück limitierte Compilation "Catching Up With Klack" von Razgrom Music im praktischen CD-Format. Dann ist man jedenfalls bestens gerüstet für das nächste Gespräch unter Freunden. Will you Klack? (Harry Caul)

Label Klack | 15.06.2021 | Homepage www.klackprodukt.com/

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