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The Joke Jay "Awaken"

Kaum habe ich mich von den Freuden einer ersten Rezension erholt, schiebt mir Herr Pape noch etwas unsicher einen Silberling unter der Tür durch. Er war selbst überrascht vom Werk und ich solle ihm nun nachfolgen. Wovon genau er überrascht wurde, hat er mir nicht verraten, um mich nicht selbst um diese Erfahrung zu bringen - so ein Guter. Überrascht war ich dann auch zunächst mal von der Anzahl der Titel: 21. Und hier möchte ich kurz innehalten, um erneut den (meinen) Sinn einer Rezension zu verdeutlichen. In Zeiten von weltumspannenden Videoplattformen ist es jedem Musikhörer ein Leichtes, ein neues Musikstück und dessen Wirken auf einen selbst vor dem Kauf zur Probe zu hören. Eine silbenreiche Wortwüste kann ja kaum die Freuden des ersten Kusses, einer gelungenen Hookline oder das Grauen eines schauderhaft gesampleten Gitarrenriffs sinnlich erfahrbar machen. Aber! Ja, mir ist es möglich, Sie zu führen. Ich höre nicht nur ein Stück, ich wühle mich durch alle - jedenfalls versuche ich das. Ich kann Ihnen am Ende meiner sommerlichen Segelbootfahrt oder meines Martyriums verbindlich sagen, ob sich das Zähneputzen vor dem ersten Kuss lohnt oder ob man die Kraft des eigenen Mundgeruchs nicht besser nutzen sollte, um das beworbene Werk bereits aus ein paar Metern Entfernung abzuwehren. The Joke Jay also. Wer mag sich dahinter verbergen? Nach mühsamer und gefahrvoller Recherche im Darkweb stoße ich auf einen Musikschaffenden namens Joke Jay, der mindestens ein paar Jahre wirksam bei der Electro-Pop-Kapelle And One verbracht hat. Der Opener bestätigt mir diese Ahnung: Er ist es wirklich. Und er hat etwas mitgebracht, was in der Electro-Szene, nachdem man ein paar Jahre zu Recht und Front sei Dank darauf verzichtet hat, als Heilsbringer aus dem Tal der Einfallslosigkeit, als progressives Element galt: die Gitarre, möglicherweise sogar mehrere. Die prügelt allerdings nicht so gnadenlos und befreiend archaisch, wie einst bei Ministry oder Front Line Assemblys "Millenium", sondern will gefallen, möglichst Vielen. Deshalb klingt es dann auch meistens wie eine Mischung aus Bon Jovi und irgendeiner beliebigen Grunge-Kombo aus den 1990ern. Gesanglich knüpft er dort ebenfalls an. Das Liedgerüst bilden dann wieder Synthesizer; Bassline, Flächen und Leadsounds stammen in der Regel aus solchen Geräten. Die werden, selbst wenn das Lied vollmundig elektronisch eröffnet, wie meine stetig sinkende Laune, irgendwann von der Gitarre und dem Rockgesang zersägt. Erwähnte ich Backgroundgesang und grandiose vokale Effekte aus dem "Oh, oh, uh, oh"-Regal? Gibt es!
Bei "Wisdom Of A Captain's Heart" möchten The Joke Jay klingen wie eine Martin-Gore-Stück bei Depeche Mode. "Jezebel" auf Speed, Meth und Crack. Das Cover halte ich ebenso für eine missglückte Reminiszenz an das stimmungsdichte Foto von Brian Griffin auf dem Cover von "A Broken Frame".
Weshalb The Joke Jay die saitene Drögheit auf 21 Lieder auswalzen, bleibt im Dunkeln. Vielleicht wollte man etwas Episches, Monumentales schaffen. Die Formensprache des Coverartworkes, der bemüht musikalische Kniefall vor offensichtlichen Vorbildern, wie die bereits erwähnten Basildoner und dem ebenfalls von diesen verehrte David Bowie, zeigen jedenfalls in diese Richtung.
Es wird Fans dieser Musik geben, sie ist gemacht, um möglichst Vielen zu gefallen.
Die Frage ist jedoch: Wollen Sie, lieber Leser, dazugehören oder ist Ihnen Ihr lange gepflegtes Image eines elitären Musiksnobs nicht doch wichtiger?
Ecken, Kanten, Ideen, Dissonanz oder die Fähigkeit, irgendeine Emotion zu erwecken, habe ich jedenfalls vergebens gesucht und werde das zu rezensierte Werk möglichst schnell wieder loswerden. Halloween ist schließlich vorbei, meine Sammlung hat sich genug gegruselt - ich habe die Blicke meiner Schallplatten im Nacken gespürt. Wahrlich entsetzlich. Zwei Sterne gibt es nur, weil ich mir sicher bin, dass es noch wesentlich Übleres da draußen gibt. Lassen Sie die Zahnbürste also im Becher! Ohuhooooh! (Harry Caul)

Label Echozone | 29.10.2021 | Homepage www.jokejay.de/

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