The Christmas Ball 2011

27.12.2011: Theater am Tanzbrunnen, Köln // 29.12.2011: Huxleys Neue Welt, Berlin

Oh Du Fröhliche... Dies dachten sich bestimmt einige Besucher des Christmas Ball-Festivals im Kölner Theater am Tanzbrunnen und im Berliner Huxleys. Denn in beiden Schauplätzen hatte sich mit Solitary Experiments, The Klinik, Hocico, Combichrist und Front 242 eine wenig besinnliche, dafür betont elektronische Meute versammelt, um der weihnachtlichen Stimmung an den Tagen nach dem Fest endgültig den Garaus zu machen. Eine elektromusikalische Konferenz mit den Moderatoren Pippi von Schnippi (Köln) und Spider (Berlin) und den Live Acts: Solitary Experiments, The Klinik, Hocico, Combichrist, Front 242
 
Fotos: Pippi von Schnippi //
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Combichrist
 
 

as klingelnde - vom BODYSTYLER präsentierte - Spektakel fand auch noch in Hannover und Neu-Isenburg statt. Doch wir wollen uns in dieser Konferenzschaltung mit den beiden Top-Spielen in Berlin und Köln befassen und legen auch sofort in der Rheinmetropole los.


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Mit Solitary Experiments eröffnete eine Band, die schon lange nicht mehr zu den Unbekannten des Genres zählt. Die Jungs aus Berlin und Leipzig konnten formal vor allem durch das professionelle Bühnen-Setup und die dynamische Begleitung in Form der E-Drums überzeugen. Aber auch musikalisch lief der Ball rund und mit Songs wie Immortal hatte man schon früh die Zuschauermenge nicht ins Abseits, sondern auf seine Seite gespielt.

In Berlin waren die Parkplätze rund um die Spielstätte von Autos blockiert, so dass die Suche nach einer Lücke die Hälfte von Solitary Experiments kostete. In der zweiten Halbzeit des Gigs poppte sich die Truppe mit Zukunftsklängen über die Bühne. Ob der Sänger in der Vergangenheit die Töne beim Live-Gesang schon mal besser traf, bleibt genauso unbeantwortet wie die Frage, ob Berlin nun das geilste Publikum dieser Tour war. Die Damen wurden jedenfalls schon etwas wuschig ob des oberkörperfreien, tätowierten Drummers, welcher Gerüchten zufolge bei den EBM-Dream-Men gebucht werden kann. Auch im Karneval zu Kölle, wo The Klinik bereits zu früher Stunde einer der Höhepunkte des Abends waren.

Dirk Ivens, mit Dive, Sonar und Absolute Body Control schon mindestens auf allen Bühnen aufgetreten, die für unsere Musikszene relevant sind, hat sich mit Peter Mastbooms (ehem. Vomito Negro, Pressure Control) bühnenerfahrenen Ersatz für den bereits seit längerer Zeit ausgefallenen Marc Verhaegen an die Seite geholt. Beide waren in das typische Klinik-Outfit gehüllt - langer schwarzer Ledermantel und Mullbinden um den Kopf. Obsession, Quiet in the room, Memories... In den ca. 40 Min. Spielzeit reihte sich ein Hit an den anderen und natürlich durfte auch der Über-Song dieser belgischen Wegbereiter nicht fehlen: Bei Moving Hands war folgerichtig auch ordentlich Bewegung im Publikum und die wegen The Klinik angereisten Fans waren für den Rest des Abends an den freudestrahlenden Gesichtern zu erkennen.

Berlin hier und ebenfalls auf lustvollen Wogen schwebend: Während Oma noch immer bei der Schwarzwaldklinik in selige Erinnerung verfällt, labe ich mich an The Klinik. Ja, es gab mal Zeiten, in denen elektronische Musik düster und kalt war und dennoch extrem tanzbar. Die Medikation hat Chefarzt Dirk bis in die Neuzeit erhalten und zusammen mit Assistenzarzt Peter perfekt dosiert auf die Bühne gebracht. Stimmige Videoanimationen und wunderbar monoton-minimale Klänge waren Balsam für die Seele und Stimulation für zuckende Körper. Ich brauche mal einen Moment für mich, daher schalten wir wieder zurück nach Köln.

Bei Hocico war die Bühne voll: und zwar mit ausrangierten Fernsehgeräten, auf welchen Bildeinblendungen und Videos liefen, welche die harsche Elektronik der beiden Mexikaner Erc und Racxo auch visuell ins rechte Licht rückte. Die beiden Jungs mit dem weitesten Anreiseweg der an diesem Abend versammelten Musiker haben es über die Jahre zu einer erstaunlich großen Fan-Schar gebracht. Ein guter Teil davon hatte den Weg in den Kölner Tanzbrunnen gefunden und so wurde die Show von Anfang an begeistert unterstützt.

In Berlin musste man derweil auf den Anfang von Hocico noch warten und es waren erstmal Combichrist dran. Eine alte Fußballer-Weisheit sagt: "Auch mit mäßigem Spiel kann man Erfolge einfahren". Der Kommentator vergnügte sich nur mäßig bei dem schlecht abgemischten Soundbrei von ohnehin nicht brillanten Kompositionen, dargeboten in einer zwar energischen, aber gleichermaßen klischeebehafteten Live-Show. Die überwiegende Mehrzahl des Publikums war allerdings schlichtweg begeistert, brachte die Halle zum Beben und ging tanzwütig mit, um der Combo den flächenmäßig besten Stimmungspegel des Abends zu bescheren. Auch hier spielten freie Männeroberkörper mit Tätowierungen, gepaart mit viel „Bitch“ und „Fuck“ in Wort und Ton, eine tragende Rolle. Wie war es denn in Köln so?

Combichrist taten als Co-Headliner im Tanzbrunnen einfach das, was sie gut können: Gas geben und die Halle ordentlich zum Kochen bringen. Frontmann Andy LaPlegua ist und bleibt eben eine echte Rampensau – egal mit welchem seiner vielen Projekte er eine Bühne entert. Was Combichrist betrifft, waren es neben mindestens einem neuen Song die altgedienten Melodien wie Get your body beat oder Blut Royale, die das Christmas Ball-Publikum zum Tanzen brachten. Durch die Gitarrenverstärkung, die seit einiger Zeit Einzug gehalten hat, ist der Sound etwas rockiger und „dreckiger“ geworden – ansonsten heißt Raider aber immer noch Twix und geändert hat sich nix.

In Berlin enterten nun Hocico die Bühne. Bestimmt konnten sie der Versuchung nicht widerstehen, sich in den zahlreichen Second-Hand-Elektronik-Läden von Kreuzberg mit ein paar neuen Fernsehern für das Bühnenequipment einzudecken. Genauso inspirierend und pulsierend wie die Nächte dieses Multikulti-Stadtteils gestaltete sich auch ihre Show. Heißes südamerikanisches Feuer ergießt sich in druckvolle Power-Electro-Barren. So unterhielten und bewegten sie das Berliner Publikum durchgehend gut und kraftvoll und bei Klassikern wie "Poltergeist" oder "Bloodshed" wurden die Hände in die Höhe gereckt, wie bei der Kölner Fastnacht zum Kamelle fangen.

Abschluss und Höhepunkt des gelungenen Festivalabends in der Hauptstadt der Jecken waren Front 242. Zu den Belgiern, immerhin seit drei Dekaden musikalisch aktiv, muss man keine einleitenden Worte mehr verlieren. Das dreißigjährige Bandjubiläum wird übrigens im Januar 2012 mit einer Special Show im belgischen Heimatland begangen – dies ist bestimmt auch für viele deutsche Fans ein Grund für eine Grenzüberquerung. In Köln zeigten die Mannen um Jean-Luc de Meyer und Richard 23 einmal mehr, dass sie nach wie vor wissen, wie ein gutes Konzert funktioniert: Stimmiges Licht, passende visuelle Unterstützung auf die Videoleinwand gebannt, eine Menge Bewegung auf der Bühne und Hits wie Tragedy for you, Headhunter oder Masterhit, ergänzt durch nicht alltäglich gehörte Leckerbissen wie Take One, No Shuffle oder Lovely Day.

Berlin stimmt dem Kölner Statement zu der Darbietung von Front 242 mit ekstatischem Kopfnicken zu. Ein stimmungsvoller Start mit bedrohlichen Instrumental-Sounds und auf der Videoleinwand fließenden Texten über die Menschenrechte und das soziale Miteinander. Dann wurde eine Hit-Rakete nach der anderen abgefeuert, welche die Electro-Truppen vor der Bühne zu einer glücklich tanzenden und schwelgenden Einheit schossen. Auffällig mal wieder, dass die Belgier nicht nur den EBM erfunden haben, sondern ihre ganz eigene, unverwechselbare Lichtuntermalung noch dazu. Und Jean-Luc und Richard tanzten, hopsten und trippelten über die Bühne wie der Jüngling im Lenz, ohne dass ihnen Sangeskraft oder Puste ausgingen.

Der BODYSTYLER ist sich sicher, dass der Christmas Ball Veranstalter PROTAIN CONCERTS ebenfalls einen langen Atem besitzt und auch 2012 die Hallen wieder mit nachweihnachtlicher Glanz und Gloria füllen wird. Wir halten Euch auf dem Laufenden und danken fürs Zuhören.


Homepage:
Christmasball-Festival.de
© 2012 // Bodystyler Electrozine

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