Dead Guitars

"Wir haben sehr ausgeprägte Gefühlsschwankungen!"


Erst die Dead Kennedys, dann die Toten Hosen und nun kommen die Dead Guitars um die Ecke. Und das bereits zum dritten Mal mit einem fantastischen Langspieler! „Stranger“ ist ein Album geworden, das durch seine textliche Tiefe sowie musikalische Weite beeindruckt und beim Hören unweigerlich Spuren hinterlässt. Stilistisch ist man von den oben genannten Bands natürlich Lichtjahre entfernt, denn im Gegensatz zu den eher lauten Berufsgenossen, besinnen sich die Toten Gitarren eher auf die filigranen, elegischen und dezent rockig-wavigen Töne.

 
Interview: Torsten Pape //      Foto: Maier!
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"Um wie viel Leid würde dieser Planet ärmer sein, wenn wir uns umarmen würden?"

 



 
 

»Als ich das erste Mal in der DDR war, musste ich pinkeln, aber auf der Transitstrecke durften wir nicht anhalten. Haben wir aber trotzdem gemacht!«

 
 
 

Dead Guitars
"Stranger"
Es ist schon ein Paradoxon, dass die toten Gitarren oftmals besser klingen, als die lebendigen. Was ist jedoch eine lebende Gitarre? Und wie könnte sie sterben? Auch auf ihrem dritten Album geben uns die Herren mit der langen Musiker-Vita zumeist elegische und manchmal sogar umwerfend poppige („Mesmerized") Songs zum Besten. Einem bewegten Ozean gleich schwingt „Stranger" wellenartig auf und ab, stellt wohlige Momente neben den Aufruhr der Gefühle und gezielte Dissonanzen. Mit an Bord sind natürlich wieder die wunderschönen Texte von Carlo van Putten, aber trotz all der fantastischen Poesie bleibt sogar genug Raum für rein instrumentale Songs und ein Neil Diamond-Cover. Hier geschieht einfach alles zur rechten Zeit, illustre Gäste wie Michael Dempsey (Ex-The Cure) sind stets willkommen und der Hörgenuss ist am Ende aufregend und perfekt. (Torsten Pape)
VÖ: 16.09.2011 // Silverbird Music

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

as zunächst Fremde wird auf diese Art bald zum Freund, den man intuitiv versteht, auch wenn er manchmal eine andere Sprache spricht. Sänger Carlo van Putten, spricht als gebürtiger Holländer ebenfalls eine andere Sprache, aber zum Glück auch Deutsch, so dass wir nicht auf das Englische ausweichen mussten.


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BODYSTYLER: Das neue Album wurde über einen längeren Zeitraum geschrieben und aufgenommen. Hat es für Euch Tagebuchcharakter?
Carlo van Putten: Ja, irgendwie sind meine Texte immer aus dem Leben gegriffen. Ich färbe aber Einiges auch bunter ein, als die Erfahrungen wirklich waren oder versuche es in Prosa umzuwandeln. Ich bin textlich gesehen kein Geschichtenerzähler, sondern eher ein surrealistischer Künstler.

BODYSTYLER: Hat das Album Euch auf eine gewisse Weise verändert?
van Putten: Das Album hat uns nicht verändert, sondern wir haben das Album verfremdet ;-). „Stranger“ halt. Ralf hat wahnsinnig viel herumexperimentiert mit Effekten, Geräuschkulissen und anderen musikalischen Entfremdungen. Wir haben die Flächen eingefüllt und darauf gespielt oder gesungen.

BODYSTYLER: Gibt es einschneidende Erlebnisse, die Ihr mit der Geschichte des Albums verbindet und welche davon sind vielleicht direkt in die Songs eingeflossen?
van Putten: Jeder Mensch, der bewusst lebt, nimmt auch Teil am Leben und sieht, wie die Geschichten gesponnen werden um ihn herum. Ich lasse mich davon inspirieren und so kommen die Erlebnisse zu Papier und diese wiederum fließen wieder in die Musik ein. Es sind Fragmente aus meinem Leben. Ich kann mich jederzeit wieder in ein Erlebnis zurückversetzen, welches für mich von großer Bedeutung war.

BODYSTYLER: Von Beginn an ist es charakteristisch für viele Eurer Songs, dass sich die ausgedrückten Stimmungen meist langsam auf- und abbauen. Es herrscht ein stetes, oft elegisches An- und Abschwellen der Klänge und viele Lieder haben eine Spieldauer von fünf bis zehn Minuten. Wie entstehen diese ausufernden, wunderschönen Intensitäten?
van Putten: Ralf, Pete und ich haben sehr ausgeprägte Gefühlsschwankungen und damit färbt sich auch das neue Album. Wir ergänzen uns zudem einfach perfekt mit unseren musikalischen und emotionalen Beiträgen. Pete weiß als gebürtiger Schotte genau, wovon meine Texte handeln und Ralf versteht es genauso. Es wird also nicht passieren, dass wir musikalisch aneinander vorbei reden. Am Ende bleiben wir manchmal eben in diesen Emotionen hängen und unsere Plattenfirma zwingt uns zum Glück auch nicht zu Radio-Edits von 3-4 Minuten.

BODYSTYLER: Mit „Mesmerized“ habt Ihr seit kurzem einen perfekten, kleinen Popsong im Repertoire, der durch seine Fröhlichkeit und Luftigkeit sofort ins Ohr geht. Was könnt Ihr zur Entstehung dieses Ohrwurms erzählen?
van Putten: Eigentlich wurde uns erst im Nachhinein bewusst, was wir da eigentlich gemacht hatten. Der Text war schon vorhanden, aber es fehlte zunächst noch der Song. Als wir mit dem Jammen durch waren, stand der Song als solches. Hinterher hatten wir irgendwie das Gefühl, alles wäre etwas zu „corny“, etwas zu glatt vielleicht. Wir nahmen ihn trotzdem zu unseren Demos und die Plattenfirma fand ihn so toll, dass sie sogar eine Singleauskopplung daraus gemacht haben. Die Media-Reaktionen sind übrigens überwältigend gut! Vielleicht ist es The Cure damals auch mit „The Lovecats“ so passiert, wer weiß? Mir ist jedenfalls durchaus bewusst, dass auch das „Dark und Gothic“-Publikum Hits braucht, die oft sehr poppig sind. Denke nur an New Order, Visage, Siouxie and the Banshees und Depeche Mode.

BODYSTYLER: Das Stilmittel der Dissonanz wird von Euch stellenweise ganz bewusst eingesetzt. An welchem Punkt des Songwritings nehmen denn diese schrägen Töne Gestalt an? Sind sie bereits Teil der ersten Ideen oder kommen sie erst im Studio hinzu?
van Putten: Ich denke, dass der Ralf und Pete dir diese Frage besser beantworten können.

BODYSTYLER: Natürlich wäre es interessant zu erfahren, wie es zur Mitarbeit der vielen illustren Gastmusiker kam? Woher kennt Ihr Euch? Werdet Ihr zukünftig auch bei Ihren Bands/Projekten mitwirken?
van Putten: Michael Dempsey von The Cure lernten wir kennen, als wir mit seinem Projekt Levinghurst zwei Konzerte spielten. Er war sehr angetan von uns, wollte gerne was mit uns machen und sogar live mit uns spielen. Aber es ist wirklich so schon schwer genug mit einem Schlagzeuger aus der Schweiz, einem Sänger aus Holland und den beiden aus Gladbach. Es geschieht eben immer wieder, dass sich Leute für unsere Musik finden, irgendwo auf unseren „winding roads“.

BODYSTYLER: Auf dem Vorgänger „Flags“ gab es zusätzlich zum Entstehungsdatum kleine Anmerkungen zu den Songs zu lesen. Warum wurde diese nette Idee nicht fortgeführt?
van Putten: Sorry dafür, ich werde das in Zukunft weiterhin machen. Vielleicht sollte ich es für die Fans auf unsere Website setzen. Gute Idee, thanks!

BODYSTYLER: Der Titelsong oder auch „Chromelike splinters“ würden stilistisch auch zu Bands wie Lush oder den Cranes passen. Wie gefällt Dir diese Assoziation?
van Putten: Schön, mir gefällt die Assoziation sehr. Ich mag Lush und auch die Cranes. Ich weiß aber nicht, ob Ralf oder Pete die kennen. Vieles in unserer Musik entsteht halt, ohne dass wir kopieren oder wie eine andere Band klingen wollen. Ich denke, dass jede Kunstform dieses Phänomen hat, dass die Kritiker nach der Fertigstellung meinen, es würde klingen wie, aussehen wie, oder sich lesen wie etwas Anderes. Irgendetwas ähnelt immer irgendeiner anderen Kunstform. Stilistisch gesehen sind hier aber mit Sicherheit Parallelen zu spüren.

BODYSTYLER: Die letzten Takte des Albums bringen einen vollkommen unerwarteten Auferstehungsmoment einer fast vergessenen Melodie. Wie kam es in den Niederlanden bzw. tief im Westen der Republik zu diesen Gefühlen der Ostalgie?
van Putten: In meinen Texten habe ich oft auch die Ost-West-Thematik besprochen, denke mal zum Beispiel zurück an „First Impressions of the West“ von The Convent. Ich hatte einfach Probleme damit, wie wir im Westen nichts Besseres zu tun hatten, als den Ostlern die zehntausenden umgetauschten DM wieder weg zu nehmen, indem wir ihnen Gebrauchtwagen verkauften und Versicherungen angedreht haben. Erinnerst Du Dich an die Flaggen der verschiedenen Nationen auf dem Cover des Vorgängeralbums „Flags“? Ich bin nicht unbedingt ein Moralist, habe aber immer für mehr Menschlichkeit in unserer Gesellschaft appelliert. „Three words for the lovers” ist meine Hymne an die Liebe. Wie schön wäre es, öfter diese drei Wörter zu hören - früher als Kind von den Eltern, als sie noch lebten, später von der Freundin oder den Menschen um einen herum. Um wie viel Leid würde dieser Planet ärmer sein, wenn wir uns umarmen würden und nicht mehr von Schwulen, Ossis, Schwarzen, Ausländern, sondern einfach von Mitmenschen reden würden. Man wird so oft missverstanden im Leben. Als ich das erste Mal in der DDR war, kurz bevor die Mauer fiel, musste ich pinkeln, aber auf der Transitstrecke durften wir natürlich nicht anhalten. Haben wir aber trotzdem gemacht. Ich hatte ein Holland-Trikot an und da kam jemand aus einem Trabant, der dort auch stand, zu mir und wollte dieses Shirt für 200 Ost-Mark kaufen. Er hatte aber ein Shirt an, auf dem vorn „DDR“ und hinten „10“ drauf stand. Ich habe mit Ihm getauscht, und er war sichtlich gerührt. Ich natürlich auch. Als ich das Shirt später mal auf der Bühne getragen habe, bekam ich viel Kritik aus dem Publikum. Man wollte wissen, ob ich wüsste, wie Scheiße das rüberkommen würde bei einigen Ex-DDR-Bürgern. Nein, das wusste ich natürlich nicht, aber ich hatte nun mal eine andere Geschichte mit dem Shirt, oder? Ralf hat nun für diesen Song die Nationalhymne der DDR eingebaut, warum nicht? Künstlerische Freiheit. Ich finde die Melodie wunderschön. Lasst euch umarmen Mitmenschen. I love you!

BODYSTYLER: Carlo, Du hast ja vor kurzem Dein erstes Buch „Eroded“ herausgebracht, das einen fantastischen Überblick über Deine Werke darstellt. Welche Reaktionen hast Du bis jetzt darauf bekommen?
van Putten: Mein Buch ist sehr gut angekommen bei Fans und Freunden unserer Musik. Ich bin froh darüber, diesen Schritt gemacht zu haben. Irgendwann möchte ich mal ein Buch schreiben, aber dafür habe ich später Zeit, wenn man nicht mehr zu unseren Konzerten kommt.

BODYSTYLER: Kannst Du an dieser Stelle vielleicht erläutern, wie Du merkst, ob ein Text zum Songtext geeignet ist und wie Du die Entscheidung triffst, bei welcher Band er Verwendung finden könnte?
van Putten: Ich lasse mich einfach von der wundervollen Musik von Ralf und Pete umhüllen und inspirieren und suche aus meinen Texten den Passenden dazu oder schreibe ihn spontan in dem Moment.

BODYSTYLER: Der Text von „From the top oft world“ mutet fast schon kryptisch an. Was hat es mit den geküssten Ratten, Hunden und Katzen und der schlafenden Erde auf sich?
van Putten: Ich stelle mir in dem Song die Frage, die sich mit Sicherheit so viele von uns stellen. Die Frage, warum es momentan solch einen Unfrieden gibt auf unserem Planeten Erde? So viele Intrigen, soviel Unrecht und letztendlich auch Krieg. Wer küsst die Ratten? „In the back of my mind, baby I’m ready to go” singe ich, aber wohin soll ich bloß?

BODYSTYLER: Warum wurde eigentlich der Auftritt in Berlin abgesagt? Gibt es bereist Überlegungen, das Konzert nachzuholen? Ich hatte mich schon so sehr darauf gefreut.
van Putten: Es sollte ein Doppelkonzert geben mit The Convent und Dead Guitars. The Convent sagten aber ab, weil wir keine neuen Songs an den Start bekamen. Der Club wollte jedoch Dead Guitars alleine nicht buchen, glaube ich. Ich hoffe, dass wir bald mit in Berlin gastieren werden, who knows, not me. We’ll see! //



Web: DeadGuitars.com

© 2011 // BODYSTYLER Electrozine //

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