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[de:ad:cibel] = Deadcibel

"Wir sind nicht angetreten, um Klischees zu erfüllen!"


In diesen Tagen melden sich zwei feste Größen der Electroszene mit einem wunderbar spannenden und abwechslungsreichen Werk zu Wort. Armin Küster und Daniel Galda vereinen mit "Klondike" (VÖ: 01.10.10, Echozone) viele hochwertige Stilistiken und können auch hohen Ansprüchen mühelos genügen. Im Interview lernen wir, dass Silberrücken – sonst eher allein an der Spitze einer Gorillagruppe – teamfähig sein können, und es den Begriff Lautheit gibt, der für die empfundene Lautstärke eines Schallereignisses steht. Nicht schlecht.
 
Interview: Torsten Pape //     
 

Armin Küster, Daniel Galda: Sehr laut und angriffslustig

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»Hasstiraden der EBM-
& IBM-Fundamentalisten ergießen sich nicht über uns!«

Daniel Galda
 
 
 

[De:ad:cibel]
„Klondike“
Mit Armin Küster und Daniel Galda haben sich zwei Recken zusammengeschlossen, die sich ihre Sporen anderweitig bereits mehr als verdient haben. Hier muss sich also niemand mehr beweisen und mit einem hochwertigen Endprodukt darf getrost gerechnet werden. Unter dem Banner der [tot:al:en] Lautstärke haben die beiden ein Süppchen zusammengebraut, das sich vieler elektronischer Zutaten bedient: Retro trifft auf Moderne, Kanada auf Deutschland und Tanzbarkeit auf Melodie. Was anderswo vielleicht schnell eine stupide Aneinanderreihung verschiedener Stile geworden wäre, ist auf diesem Album eine spannende Achterbahnfahrt. Der Stillstand von Kopf und Bein wird erfolgreich vermieden - und bitte unbedingt “Between my headphones” (titelgerecht) genießen! Weitere Granaten: „Jerusalem Syndrome“, „One of 47“, „B.I.I.D.“, „Architecture“ und “Heteronomy”. (Torsten Pape)
VÖ: 01.10.10 // Echozone

[De:ad:cibel]
„Jerusalem Syndrome“
Einer der Tanzflächenkracher des Debüts kommt nun zu separaten Ehren. Schon in der Albumversion konnten die flirrenden Sequenzen, der stramme Beat, sowie der prägnante Text begeistern. Nun wird im E-Thik-Remix mit (future-)poppigen Elementen aufgespritzt, was unerwartet gut funktioniert. Der Atheist Dance Mix arbeitet hingegen mit deutlich mehr Noise-Elementen und Soundspielereien, geht aber trotzdem gut ab. „Human product“ wird als letztes Stück des Longplayers vielleicht gern übersehen und nun ebenfalls in zwei neuen Versionen präsentiert. Marschiert das Original noch bedrohlich im kanadischen Midtempo, wirkt der Fabious Corpus Act Remix etwas leichtfüßiger, jedoch nicht minder dräuend. Der Utz-Utz-Utzi-Mix kombiniert Schwere mit einem stechenden Sound – fies, aber geil. Den Abschluss bildet der davNtage-Remix von „Nobody hurts me like I do“ mit einer sehr schönen Kombination aus stampfendem Beat, Streicherklängen, Flächensounds und tollen Stimmeffekten. (Torsten Pape)
VÖ: 05.11.10 // Echozone


 
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Myspace.com/deadcibel
 
 
 

rst Babybel®, nun [de:ad:cibel]. Ich denke mal, ihr wollt mit dem Namen nicht in die Käse-Branche einsteigen, sondern etwas zum Ausdruck bringen. Was hat es mit der [tot:al:en] Mission auf sich. Außer, dass ihr Leute, die das schreiben müssen, zur Verzweiflung bringt?
Armin Küster: Wir sind zweifelsohne in diplomatischer Mission unterwegs. Dabei wollen wir die verschiedenen elektronischen Lager mit allen rechtmäßigen musikalischen Mitteln zusammenführen. Die Schreibweise unserer Band geht dabei doch wirklich locker von der Hand, oder nicht? Der erste Entwurf bestand aus dem Schriftzug “*/D|e:[a\d]:C#i>(B→e←L)\*”. Davon haben wir dann doch Abstand genommen.
BODYSTYLER: In eurer Bio steht geschrieben, dass Armin einen Song zum "Firewall"-Album von Daniels Band Skorbut beisteuerte. Darf ich vermuten, dass es sich um den Track "De(ad)cibel" handelte?
Daniel Galda: Du vermutest leider falsch. Auf "Firewall" schrieb Armin die Musik zum Song "Getting Colder" und war außerdem für den "Fragments"-Remix verantwortlich. Das Lied "De(ad)cibel" wurde von Jörg (der andere Skorbuter) und mir vor meinem ersten Treffen mit Armin geschrieben. Aber du hast insofern recht, dass der Name dieses Skorbut-Songs mehr oder weniger die Vorlage zu unserem jetzigen Bandnamen darstellt.
BODYSTYLER: Mit "Klondike" legt ihr ordentlich basslastigen Tanzstoff vor, der EBM-Heads schnell begeistert. Andererseits agiert ihr so elegant und frickelig, dass auch die IBM-Fraktion zustimmend nicken dürfte. Gab es bei der Zusammenführung der beiden Lager öfter mal Kurzschlüsse oder war das ein harmonischer Prozess?
Daniel Galda: EBM und IBM - hm. Wenn du dir die beiden Abkürzungen vor Augen hältst, stellst du schon fest, dass sie eigentlich nur in einem Buchstaben voneinander abweichen. Man muss also keinen großen Spagat machen, um sie miteinander zu verbinden. Von Kabelbränden und Kurzschlüssen kann ich nichts berichten, auch die Sicherungen im Studio blieben heil. Hasstiraden seitens der EBM- und IBM-Fundamentalisten ergießen sich auch nicht über uns. Der Teil der Musikliebhaber, der hier wirklich ideologische Grenzen zieht, ist gar nicht so groß, wie man also immer meint. Ich glaube, die Leute akzeptieren einfach, dass zwei Szene-Silberrücken wie Armin und ich über diesen Grabenkämpfen stehen und uns künstlerisch nicht verbiegen lassen wollen. Wir sind nicht angetreten, um Klischees zu erfüllen, sondern um gute Musik abzuliefern. Wenn wir IBM und EBM verbinden, hat das allein schon durch unser Alter eine ganz andere Authentizität und Echtheit. Hinzu kommt, dass "Klondike" definitiv über Qualität verfügt. Das Album ist also handwerklich gut gemacht. Ein weiterer wichtiger Aspekt besteht wohl auch darin, dass wir seit Jahren nicht sonderlich aufdringlich agieren. Egal, ob jetzt bei mir mit kAlte fArben und Skorbut oder Armin mit The 3rd Culture - wir stehen dafür, in aller Stille und ohne viel Tamtam immer wieder qualitativ gute Sachen abzuliefern. "Klondike" trifft vielleicht den Nerv der Zeit und darüber hinaus gönnen uns die Leute einfach den Erfolg, weil sie unsere Leistung schon seit längerem honorieren.
BODYSTYLER: Der Armin sieht ja nun mit all den Antennen wirklich aus wie ein echter Funker oder Electromusiker. Wie ist es zu diesem krassen Image gekommen und wurde er beim Badeurlaub schon mal mit einer Seemine verwechselt?
Armin Küster: Bei [de:ad:cibel] muss ich immer dermaßen viel arbeiten, dass ich ununterbrochen unter Strom stehe. Das hat halt auch Auswirkungen auf mein Äußeres. Nein - alles Quatsch! Ich will in Wirklichkeit nur darauf aufmerksam machen, dass ich trotz meines astronomisch hohen Alters noch über genügend Haarwuchs verfüge, um eine solche Frisur überhaupt zusammenzupappen. Und im Strandurlaub starren die Leute immer so fasziniert auf meinen Kopf, dass die durch intensive Studioarbeit entstandene Plautze nicht mehr so auffällt. Und Du hast Recht: bei meinem letzten Badeurlaub wurde ich tatsächlich in Küstennähe von einem Schlachtschiff angegriffen. Zum Glück konnte ich mich in letzter Sekunde als schwimmender Electro-Musiker zu erkennen geben.


Ständig unter Strom:
»Im Strandurlaub starren die Leute so fasziniert auf meinen Kopf, dass die Plautze nicht mehr so auffällt!«

Armin Küster (l.) über seine Kopfantennen


BODYSTYLER: Ihr weicht mit der Tracklist im Booklet ein wenig vom guten Ton der Electro-Szene ab, indem ihr anstelle der sonst üblichen BPM-Angabe mit einer "Dynamic Range in dB" um die Ecke kommt. Helft doch mal bitte allen, die keine Tontechniker oder Diplomphysiker sind, mit einer schmissigen Begriffserklärung weiter!
Armin Küster: Na, ohne ein Quäntchen Tontechnik klappt die Begriffsdefinition dann leider doch nicht. Die Diplomphysiker dürfen aber getrost sitzen bleiben. Mit dem Bandnamen [de:ad:cibel] spielen wir auf die heiß diskutierte Tendenz zu immer höheren Lautheitspegeln in der aktuellen Musikproduktion an. Es geht also um die schwindende Dynamik in der Musik, dem immer geringer werdenden Unterschied zwischen leisen und lauten Passagen. Wer hier tiefer in die Materie einsteigen will, sollte sich auf Wikipedia mal den Artikel zum Thema “Loudness war” durchlesen. Aber zurück zum Thema: technisch gemessen wird die Dynamik mit der Einheit „Decibel“. Klassische Musik beispielsweise hat meistens hohe Werte um die 35 Decibel oder mehr. Jeder ist bestimmt schon mal bei Carl Orff’s “Carmina Burana” zusammengezuckt, wenn nach einer leisen Gesangs-Passage auf einmal das ganze Orchester hinzukommt und alles wegdonnert. In der modernen elektronischen Musik ist diese Dynamik dagegen kaum mehr vorhanden. Da krachts gleich von Anfang an mächtig los, alles ist sehr aggressiv gemischt und der Sound schlägt einem nahezu um die Ohren. Das führt soweit, dass sich die Dynamik mancher Mixe wirklich auf den Nullbereich zubewegt. Wir haben die Null einfach durch das Wort „dead“ ersetzt. Daher steht [de:ad:cibel] bei uns für sehr laut gemischte und angriffslustige Musik. Wir fanden's passend, um unseren Sound zu umschreiben. Ausserdem soll ja keiner sagen, er sei nicht gewarnt worden! Viele Audiophile und HiFi-Freaks verurteilen diese Art und Weise zu mischen. Man sollte aber nicht vergessen, dass Electro und Industrial in weiten Bereichen genau von dieser verminderten Dynamik lebt. Das sieht bei anderen Musikrichtungen natürlich ganz anders aus.

De:ad:cibel in Bodystyler #39 »

BODYSTYLER: Der Name eures Songs "One of 47" lässt auf eine Revolution der Lottozahlenziehung schließen. Ist euch "6 aus 49" etwa zu aufregend?
Daniel Galda: Hehe - du willst also wissen, worum es in "One of 47" geht. Der Ansatz ist hier astrologisch. Im Gegensatz zur Erde verfügt der Saturn nicht nur über einen Mond, sondern über 47 Monde. Der größte dieser Saturnmonde ist der Titan. Der ist faktisch mein "One of 47". Natürlich ist der Titan nur ein Aufhänger beziehungsweise Synonym für etwas anderes. Es geht vielmehr um Verletzlichkeit und Einsamkeit des Individuums. Im Zentrum steht also der moderne einsame Mensch in unserer heutigen Welt. Mann, klingt das hochtrabend und politisch korrekt. Ein Songname wie "Einer von 8 Milliarden (Menschen)" würde blöd klingen. Als Texter ist man eben immer auf der Suche nach lyrischen Metaphern, mit denen man sich einer Thematik - von einer anderen Ebene aus - nähern kann. Der Text schlägt ungefähr in die selbe Kerbe wie "Nobody hurts me like I do" und ist in seiner verschlüsselten Art und Weise doch sehr persönlich.
BODYSTYLER: Mit "Architecture" ruft ihr mal eben alle Kunstlehrer auf den Plan, nur um ihnen postwendend mit der Kunst der Erotik zu kommen. Ihr Schlingel! Gab es schon Re(klam)a(k)tionen?
Daniel Galda: Reklamationen blieben aus. Reaktionen gab es genügend. Speziell bei mir im Studium. Eines meiner Fächer ist Geographie. Und speziell die Geographiefachschaft meiner Hochschule fährt auf den Song ab. Da gibt es doch die Textzeile: "From your mouth - Into your south". Mein Geographie-Professor meinte: "Herr Galda - da kommt der Geograph in Ihnen durch!" In dem Moment kam ich mir vor wie ein Vollidiot. Der Spruch hat mich total unvorbereitet getroffen und ich stand erst mal da wie der letzte Depp. Er hat sich natürlich wie ein kleines Kind darüber gefreut, dass er mich damit aufziehen konnte. Auf die weitere Thematik des Textes ist er glücklicherweise nicht eingegangen. Die ganze Situation war mir in dem Moment sowieso schon mega-peinlich. Bei ihm hatte ich aber schon mit der Textzeile gewonnen. Wer ihm die Nummer vorgespielt hatte und woher er den Song kannte, weiß ich bis heute nicht. Ich wollte das Gespräch auch nicht weiter vertiefen. "Architecture" ist einfach nur ein lustiger Song, der One-Night Stands thematisiert. Man sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Aber die Nummer funktioniert gut. Ich höre mir den Song immer noch gerne an.
BODYSTYLER: Ihr habt die eben erwähnten Songs als EP in zwei verschiedenen Versionen selbst herausgebracht. Da ich von beiden nur das Tracklisting kenne, macht doch einfach mal selbst ein bisschen Werbung! Was erwartet den Käufer? Wie klingen die Mixe?
Armin Küster: Zunächst gab es die “One of 47/Architecture” Download E.P., mit der wir im Frühjahr 2010 auch gestartet sind. Wir waren dann doch überrascht, wie viele Anfragen es nach einer Hardware-Version gab. Daher haben wir uns dazu entschlossen, eine CD-Variante nachzulegen. Diese enthält, abweichend von der Download-Version, drei exklusive Songs und Remixe.
Daniel Galda: Ja genau, die "One of 47/ Architecture" Hardware-E.P. ist eine, auf 300 Exemplare, limitierte Sonderedition. Verpackt in einer handnummerierten Metallbox. Die haben wir damals selber gestemmt, als wir noch keinen Plattenvertrag hatten, und ich kann die Leute beruhigen, die noch eine haben möchten. Anfang des Jahres waren wir uns nicht sicher, ob wir alle CDs verkaufen würden und haben daher nicht gleich die komplette 300er Auflage herstellen lassen. Die erste Ladung ist mittlerweile vergriffen, aber wir haben uns vorgenommen, nächstes Jahr die Auflage komplett zu machen. Wahrscheinlich gibt es die E.P. dann wieder direkt bei uns auf unserer Seite oder bei unseren Konzerten zu kaufen. So, nun zur Playlist: Die Basis bilden die Stücke "One of 47", "Architecture" und "B.I.I.D.". Vier Versionen sind direkt von uns - also viel Bass, EBM, IBM usw... Dann sind noch vier weitere von vier anderen Bands zu hören. Am interessantesten sind für mich die drei Versionen von "One of 47". Da ist erstens die sehr ungewöhnliche Pop-Version von People Theatre - sehr 80ies-lastig und verspielt. Dann gibt es neben der “Extended Version” noch zwei sehr geile, teils auch experimentelle Remixe von Diffuzion und Mr. Slow. Wir mögen gerade diese sehr, weil sie die Atmosphäre in eine etwas andere Richtung drücken. An "Architecture" hat sich Die Braut herangewagt. Eine Rarität ist mit Sicherheit die ursprünglich erste Version von "B.I.I.D.", die wir "No Body Is Perfect Mix" genannt haben.
BODYSTYLER: Das B.I.I.D.-Syndrom (Body Integrity Identity Disorder) war vor zwei Jahren in der Presse, als sich ein Australier ein gesundes Bein amputieren ließ. In eurem Song zu diesem Thema verwendet ihr ungeschönte Bilder und besonders die Zeilen "cut to be free" und "need only torso and my head" bleiben besonders hängen. Wie seid ihr auf diese Krankheit gestoßen und warum stellt ihr die drastischste Form der totalen Amputation dar?
Daniel Galda: Während einer längeren Autofahrt hatte ich irgendeinen seltsamen Sender im Radio eingestellt. Da lief ein Interview mit einem Autor, der über obskure Krankheiten ein Buch verfasst hatte. Der unterhielt sich mit dem Moderator über beispielsweise B.I.I.D. oder aber auch das Jerusalem Syndrom. Das waren die textlichen Impulse für diese beiden Songs. Gute Ausbeute - 1 Stunde Autofahren und zwei geniale Textideen. Was will man mehr? Von den beiden Krankheiten hatte ich bisher noch nichts gehört. B.I.I.D. eignet sich jedoch perfekt dazu, um den Körperkult und Schönheitswahn unserer Zeit auf die Schippe zu nehmen. Was soll nach Tattoo- und Piercing-Wahn oder Implantaten etc. noch kommen? Ich hab den Faden für mich weitergesponnen und beschlossen, dass das dann wohl B.I.I.D. werden muss. Es geht doch in die Richtung, dass alles noch extremer, noch krasser und noch kränker sein soll. Wenn man die zwanghaften Selbstamputationen auf die Spitze treiben würde, säße dir irgendwann nur noch ein sprechender Kopf mit Torso gegenüber - ähnlich wie im Film "Boxing Helena". Die Zeile "Sometimes less is more" ist natürlich extrem zynischer Natur und eben nur im Kontext der Kritik am Körperkult zu verstehen. Ich würde nie soweit gehen und Menschen, die direkt unter dieser Krankheit leiden, durch den Dreck ziehen! Dann war da noch die Idee für "Jerusalem Syndrom". Diese Krankheit tritt, wie der Name schon vermuten lässt, nur in Jerusalem auf. Die haben dort eigens dafür eine Klinik eingerichtet. Jedes Jahr drehen Pilger und Touristen durch, die sich auf einmal für biblische Figuren wie Jesus, Johannes den Täufer oder Moses halten. Meist werden sie von den Sicherheitskräften einkassiert, in Zwangsjacken gesteckt und in diese Klinik verfrachtet. Auch hier bleibt wieder Raum für Interpretation. Auf der einen Seite setze ich mich kritisch mit religiösem Fundamentalismus und Fanatismus auseinander. Auf der anderen Seite stelle ich selbsternannte Propheten in Frage. Daher kommt auch der Slogan "Zwischen Sender und Empfänger - das einzig wahre Medium". Ich sehe die Entwicklung zum religiösen Fundamentalismus in heutiger Zeit sehr kritisch. Der Song "Human Product" setzt sich dann detaillierter mit dem Thema Religion auseinander. Ursprünglich hieß er "God is a human product", aber das war uns eine Spur zu plakativ und wurde daher von uns entschärft.
BODYSTYLER: "Too tired to consume" finde ich in all seiner Behäbigkeit, Lethargie und Benommenheit grandios. Wie kam es zu dieser etwas anderen Kritik / Sichtweise des (medialen/gesellschaftlichen) Overkills? Könnte man "Between my headphones" eventuell als Lösungsvorschlag für eben dieses Problem verstehen? Man erdet sich, indem man Musik bewusst und allein, ohne störende Einflüsse und ganz direkt genießt / aufnimmt?
Daniel Galda: Ja - das war einer dieser Tage... In dem Song zähle ich einfach ein paar Dinge auf, die mich an dem Tag tierisch nervten. Es ist auch ein kleiner versteckter Wink Richtung Szene. Dieses ganze elitäre Gehabe und diese Klischees können einen manchmal schon etwas nerven. An dem Tag, an dem der Text entstand, war ich irgendwie ziemlich down. Zum Glück haben wir es geschafft, dem Song mit der Musik und der Intonation eine andere Richtung zu geben. Das Lied ist vor allem für die, die auch mal über sich selber lachen können. Natürlich kann der Text, wie du schon richtig einwirfst, auch als allgemeine Kritik am medialen und gesellschaftlichen Overkill betrachtet werden. Diese Interpretation ist durchaus legitim. Ob das Konsumieren von "Between my headphones" allerdings die Lösung des Problems der Konsumgesellschaft und des Konsumverhaltens darstellt, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln. Konsum mit Konsum bekämpfen - hehe - gute Idee. Zumindest kommt man beim Konsumieren dieses Songs nicht auf andere dumme Ideen. Aber ich kann deinen Gedankengang nachvollziehen. Du willst eher auf das bewusste Konsumieren raus. Da gebe ich dir natürlich recht und davon handelt dieser Song. Ich liebe es laut Musik zu hören, zum Beispiel während des Autofahrens oder gleich unter Kopfhörern. Das ist für mich Sucht und Entspannung gleichermaßen. Ohne Musik geht überhaupt nichts.
BODYSTYLER: Schon bei Skorbut, der Name gibt's ja fast schon vor, ging es oft um Krankheiten, psychische Phänomene, Medikamente oder allgemein: medizinische Dinge. Phantomschmerzen, Valium, Antikörper, Venensektionen, Hypostase und Schmerzen standen auf der Tagesordnung. Ist das eine Faszination im Privat- und/oder Künstlerleben oder seid ihr auch (haupt-)beruflich auf diesem Gebiet aktiv? Liegt der Pschyrembel immer auf dem Nachtschrank?
Daniel Galda: Jetzt hast du mich kalt erwischt. Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht und mir wurde das auch noch nie so klar vor Augen geführt. Keine Ahnung, woher diese Faszination kommt. Also beruflich haben wir mit so etwas nicht zu tun. Ich studiere ein wenig Psychologie nebenher, aber da liegt dann eher der Zimbardo als der Pschyrembel auf dem Nachttisch. Vielleicht ist ja dies der Ansatz: Krankheiten eignen sich perfekt dazu, um kranke Symptome gesellschaftlicher, individueller oder psychischer Natur in Texten darzustellen oder zu thematisieren. Es ist hier dieser interpretative künstlerische Freiraum, der wahrscheinlich den Impuls gibt. ABER!!! Beim nächsten Album werde ich darauf achten, dass ich keine Texte mehr nach Krankheiten, Störungen oder Medikamenten benenne. Das gibt mir schon zu denken, dass ich da in irgendeiner Form berechenbar bin. Vielen Dank für den Hinweis!
BODYSTYLER: Ist Skorbut eigentlich noch aktiv und welche anderen Projekte habt ihr – nach eurer bewegten, musikalischen Vergangenheit - zur Zeit oder in Kürze noch am Start?
Daniel Galda: Die Arbeiten bei Skorbut ruhen momentan und ich kann dir nicht sagen, ob es noch einmal etwas Neues geben wird. Der Jörg, meine bessere Hälfte bei Skorbut, lebt nicht mehr in Deutschland. Er ist in die USA gezogen und verdient dort als professioneller Musiker sein Geld. Er ist in der Filmbranche unterwegs, sehr gefragt und arbeitet für Hans Zimmer, James Newton Howard oder Danny Elfmann. Ich komme da schon seit Längerem durcheinander, wo er seine Finger alles mit drin hat. Irgendwann nach "Batman Begins" oder "Fluch der Karibik" habe ich aufgehört zu fragen. Es wäre jetzt naiv von mir ihn anzurufen - so nach dem Motto: "Hör mal Jörg, entweder der Zimmer oder Skorbut. Du musst jetzt langsam Prioritäten setzen!". Hehe - verstehst du, was ich meine? Wir sind Freunde und haben zu viel Respekt voreinander, als dass wir den jeweils Anderen unter Druck setzen. Es war immer sein Traum dort hinein zu kommen und ich freue mich für ihn, dass er es geschafft hat. Wir sind nicht wegen Skorbut miteinander befreundet, sondern Skorbut war ein Produkt unserer Freundschaft. Wir haben uns vor zwei oder drei Wochen mal wieder getroffen. Er hatte gerade einen Remix für Linkin Park angefertigt, der jetzt irgendwann rauskommt. Er ist gerade im Remixwahn und meinte, dass er voll Bock drauf hätte auch einen für [de:ad:cibel] zu machen. Da nehme ich ihn beim Wort.
Armin Küster: Ein musikalischer Schwerpunkt liegt bei mir natürlich ganz klar bei [de:ad:cibel]. Hier gibt es momentan viel zu tun. Gerade bin ich mit der zweiten EP nach Album-Release beschäftigt, die im Januar 2011 erscheinen wird. Natürlich werden auch permanent Ideen und Layouts für das zweite Album im Studio entwickelt. Parallel neben [de:ad:cibel] arbeite ich momentan am Projekt DISKARNATE. In Zusammenarbeit mit Jack Andrews und der ehemaligen Magnetic Fields-Sängerin Susan Anway entstehen hier sehr intensive und atmosphärische Electropop-Songs. Wir arbeiten gerade am “Believe” Album und Susan wird im kommenden Frühjahr aus den USA anreisen, um die letzten Vocals bei mir vor Ort aufzunehmen. Im Gegensatz zum überwiegend rauen und brutalen [de:ad:cibel] Sound ist dieses Projekt ein guter Ausgleich und bietet mir Raum, melodischere Songstrukturen umzusetzen.
Daniel Galda: Na, vielen Dank! Du hältst also "Nobody hurts me like I do", "One of 47" oder "Heteronomy" für rau? Das müssen wir nachher dann mal unter vier Augen diskutieren. (lacht)
BODYSTYLER: Wie sieht es mit Liveaktivitäten aus?
Daniel Galda: Wir haben schon ein paar Konzerte gespielt. Die waren allerdings alle im Ausland. Das Live-Debüt in Deutschland steht also momentan noch aus. Wir haben schon Anfragen für nächstes Jahr bekommen, diese betrafen aber alle den Zeitraum zwischen Februar und Juni. In dieser Zeit befinde ich mich allerdings gerade im Staatsexamen. Ab Juni bin ich dann fertig mit meinem Studium und wir können ganz entspannt Konzerte spielen. Wir sind also guter Hoffnung, dass wir nächstes Jahr die deutschen Bühnen stürmen.



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