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Deine Lakaien

"Es gibt schon genug Alben, die nur aus Nostalgie gekauft werden!"


Alexander Veljanov, der charismatische Sänger mit mazedonischen Wurzeln und Ernst Horn, der bayrische Musikgenius und Konzertmeister – sie haben vor 25 Jahren zueinander gefunden und sind seitdem aus der deutschen wie internationalen Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken. Natürlich hätte aus dieser Verschmelzung der zunächst so ungleich erscheinenden Elemente auch ein gar schreckliches Gebräu verzwirbelter Kopf-Kunst erwachsen können.

 
Interview: Torsten Pape / Sir Raze //   Text: Torsten Pape //   Foto: Joerg Grosse Geldermann //
 

Die Aussage, dass früher alles besser war, ist Quark: Deine Lakaien

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»Ich könnte mir sogar vorstellen, dass eines unserer Lieder in einem Fußballstadium läuft!«
Alexander Veljanov
 
 
 
DEINE LAKAIEN "Indicator" Herr Horn und Herr Veljanov wollen nicht nur einmal mehr unsere sowie Deine Lakaien sein, sondern diesmal sogar Indikator. Aber für was? Stilistisch unverändert erklingen gewohnte Harmonien. Das Sprichwort “Nur wer sich ändert, bleibt sich treu” scheint nur bedingt zutreffend. Dann schon eher “Beständigkeit zahlt sich aus” - in einem positiven Kontext gesehen. Das Album unterstreicht diese Behauptung. Es ist in Bezug auf Wahrhaftigkeit unverkennbar Lakaienhaftig. Kleiner Rückblick: Seinerzeit hörte ich Deine Lakaien erstmalig bei der Sendung “Electronics” vom DDR Jugendradio DT 64. Komischerweise ein bis heute unvergesslicher Moment. Natürlich haben sich bei den Lakaien seither Veränderungen in Musik und Arrangement ergeben, doch das Fundament ist dasselbe. Es gelten weiterhin hohe musikalische Standarts, die auch diesmal nicht enttäuschen. “Indicator” beweisst dies sehr eindringlich. (Sir Raze)
VÖ: 17.09.10 // Chrome

 
Es gibt anscheinend nur zwei Menschen auf diesem Planeten, die diese CD nicht gut finden, nämlich mein Kollege Daniel und ich. Sonst wird das Ding überall abgefeiert und damit meine ich nicht nur in geschmierten Szenemagazinen, sondern wirklich überall. Da stellt sich mir die Frage, wer jetzt hier keine Ahnung hat. Ich bin nun nicht der ausgewiesene Lakaien-Fan und außer der "DARK STAR" finde ich auch kein Album durchgehend gut. Aber hier ist alles dermaßen banal und langweilig, dass ich irgendwann die Vorspultaste betätigt habe. Die ersten drei Songs sind eigentlich noch ganz nett, wenn auch nicht sonderlich innovativ. Der Rest ist eine Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten und Herr Veljanov sieht es auch gar nicht ein, seine Stimme mal ein wenig zu variieren. Wenn es eine Skala zwischen 0 und 50 Tönen gäbe, hält er sich immer im Bereich zwischen 30 und 32 auf. Das ist eh schon immer ein Problem der Band gewesen, dass die Songs aufgrund seiner Stimme schon ähnlich klingen, doch hier gewinnt man den Eindruck, dass er gar keine Lust hat, das Zeug zu singen. Keine Ahnung, wieso das hier alle toll finden, ich find's einfach nur sterbenslangweilig. (Chucky)

 
 

DEINE LAKAIEN "Gone" Auf dieser Maxi findet man eines dieser Lieder, die nicht sofort, dann aber sehr nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Selten wurde Hoffnungslosigkeit im Angesicht eines sicheren Endes so wunderschön in Musik und Stimme umgesetzt. Schon jetzt ist dieser Song ein weiterer Lakaien-Klassiker. Im GoTra-Remix wirkt „Gone“ dann etwas trockener und dumpfer, ohne jedoch seinen Charme einzubüßen. Als B-Seite hat man das Stück „Kraken“ erkoren, das sich mit der Großmacht Google auseinandersetzt, ohne dass der Name einmal genannt wird. Die nadelstichartige Kritik trifft aber auch so ins Schwarze. Als Bonus gibt es mit dem von einem Sampler bekannten „A fish called prince“ einen in der Strophe sanft atonalen und im Refrain melodiösen Abschluss einer auch optisch hochklassigen Single. (Torsten Pape)
VÖ: 03.09.10 // Chrome

 
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Myspace.com/deinelakaien
 
 
 
 

tattdessen entwickelte sich über die Jahre eine wirklich einzigartige, unverwechselbare und bezaubernde Einheit, die die Herzen zahlreicher Menschen berührt hat. Mit dem neuesten Album namens „Indicator“ wird die Bandgeschichte nun zu einem weiteren Höhepunkt geführt.

BODYSTYLER: Da wir unser letztes Interview zum „White lies“-Album geführt haben, würde ich zu Beginn gern den Bogen zurückspannen zu „April skies“. Ich hab mich mal im Netz umgeschaut und festgestellt, dass dieses Werk von den Fans als eher extrovertiert, ja sogar „angriffslustig“ und sehr tanzbar empfunden wurde. Das neue Album hingegen wirkt auf mich über lange Strecken nachdenklich, introvertiert und reduziert. Es wird nie so richtig oder lange laut, ist aber dafür sehr aussagekräftig, eindringlich und mutig. Es ist auf eine andere Art und Weise intensiv und zeitweise drückend, aber am Ende steht doch wieder die Hoffnung. Was sagst du zu diesen Eindrücken?
Alexander Veljanov: Ha! Sehr schön. Das klingt doch wunderbar. Das Album ist hoffentlich vielseitig und überraschend, aber auch nachdenklich und voller Kraft. Es stellt weiterhin Fragen und versucht Ansätze bzw. Antworten anzubieten. Erstaunlich ist zudem, dass wir uns nach all den Jahren verdammt wenig gelangweilt haben im Studio. Nach der langen Pause, die wir zum Beispiel mit der Orchestertour verbracht haben, war es schön zu sehen, dass wir uns noch viel zu sagen haben und nicht in Langeweile ersticken. Ich denke, dass man das dem Album auch anhört. Zumindest ist das der Eindruck, den ich in den Interviews gerade bekomme.

BODYSTYLER: Apropos Interviews: Ich hab mir in den letzten Tagen mal ein paar von den aktuellen durchgelesen und da kam immer wieder die Frage auf, ob und wie ihr euch nach der langen Zeit noch für ein Album motivieren könnt. Ich hab, ehrlich gesagt, schon damit gerechnet, dass ihr hoch motiviert seid, denn das wart ihr in der Vergangenheit immer nach außergewöhnlichen Touren oder der Arbeit an Soloprojekten.
Alexander Veljanov: Na gut, aber nach über 20 Jahren stellen wir uns auch die Frage, ob wir Studioalbum Nr. 9 angehen sollen oder nicht. Man hätte die Orchestertour ja auch als schönen Abschluss sehen können und das war es dann eben. Einige haben das vielleicht erwartet oder sogar erhofft (lacht) – manche befürchtet. Dann hab ich aber zu meinem Kollegen Ernst gesagt, dass wir nach den großen Bühnen und dem großen Erfolg zum Reduziertesten zurückkehren wollen, was wir anbieten können: Klavier, Gesang und ein Mikrofon. Das kam im letzten Winter und ganz ohne Werbung oder neues Album wirklich gut an. Die Leute, die diese Art der Konzerte aus den 90ern kennen, wollten es anscheinend wieder oder - die die nur das Live-Album haben - endlich mal sehen. Dieser Erfolg, denn oft waren die Konzerte ausverkauft, war für uns die Motivation, im Studio alles zu geben und alle Erfahrungen einzubringen. Wir haben letztendlich mit vielen Dingen experimentiert, sind an die Stücke sehr offen herangegangen. Ein Zeichen dafür, dass das Album keine Fehlentscheidung war, ist die Tatsache, dass wir am Ende sehr viele, gleichwertige Stücke und somit Mühe hatten zwölf auszusuchen. Deswegen gibt es auch eine Bonus-CD und die dort enthaltenen Lieder sind uns ebenso wichtig und keine B-Klasse.

BODYSTYLER: Du sagtest, dass ihr alles aufgefahren habt, was ich meine, in der Komplexität des Albums wiederzufinden. Trotzdem entsteht oft ein sehr minimalistischer Eindruck. Es werden Ruhephasen eingebaut oder an einigen Stellen nur sehr wenige Sounds verwendet.
Alexander Veljanov: Stimmt. Nimm nur „Gone“. Das sind Strophen, die sind so minimal, aber gerade mit dieser Minimalität kannst du eine ungeheure Dichte erzeugen. Und wenn man dann in die Brücke geht, die analogen Synthieflächen auffährt und mit dem Gesang Gas gibt, nur um sich am Ende wieder zurückzunehmen, ist das schon vielleicht schon mutig. Es ist jedenfalls beruhigend, wenn das Stück nicht in sich zerfällt und die Leute es anscheinend mögen.

BODYSTYLER: Ich hab jetzt schon mehrmals gehört, dass das neue Album als sehr elektronisch wahrgenommen wird. Angesichts der Klavierklänge und Streicher hätte ich das nicht so ausgedrückt.
Alexander Veljanov: Ich denke schon, dass es von der Basis her elektronischer als „April skies“ ist.

BODYSTYLER: Ja gut, aber ich denke trotzdem, dass es am Ende nicht so elektronisch wirkt. Die Beats waren auf dem letzten Album einfach präsenter.
Alexander Veljanov: Da hast du Recht, dass die Streicher vielleicht mehr zur Geltung kommen oder gezielter eingesetzt werden. Bei „Gone“ gibt es zuerst gar keine Streicher und dann kommt plötzlich dieses ungewöhnliche Cello-Solo - oder bei „Who'll save your world“ fiedeln sie alle um die Wette. Das ist dann sehr dicht und intensiv, weil es eben keine Presets oder Keyboardsounds, sondern echte Streicher sind. Das steht immer im Gegensatz zu unseren analogen Synthiesounds.

BODYSTYLER: Da kann ich ja gleich mal nachhaken. Und zwar ist ja bekannt, dass Ernst seine eigene Sound-Bibliothek hat. Es gibt ja auch diese typischen Lakaien-Klänge, die man immer wieder erkennt. Was für Kriterien muss denn ein Sound erfüllen, um in die Bibliothek aufgenommen zu werden?
Alexander Veljanov: Er darf nicht nach einer anderen Band klingen. Das ist ganz wichtig. Wir erkennen dafür die Horn'schen Sounds bei vielen anderen Bands. Und seine Klänge sind wirklich noch handgemacht - da wird an den alten Kisten geschraubt. Aus diesen analogen Dingern musst du erst einmal etwas herausstreicheln, denn sie haben definitiv ihre Launen und sind wetterabhängig. Diese Soundästhetik haben wir von Beginn an und sie ist unser Markenzeichen, genauso wie hoffentlich mein Gesang.

BODYSTYLER: Diese Kombination ist wirklich einmalig. Mir fällt jedenfalls keine Band ein, die man mit euch vergleichen könnte. Noch eine kurze Frage zu den Sounds: Bei Ernsts Humor kann ich mir vorstellen, dass er ihnen vielleicht sogar drollige Namen gibt...
Alexander Veljanov: Das möchte ich gar nicht wissen (lacht). Er redet ja auch mit seinen Sounds, aber diese Beziehung zu seinen Gerätschaften ist mir eher befremdlich.

BODYSTYLER: Natürlich muss ich dich nach dem Albumtitel befragen, aber ich hoffe, es ist nicht die hundertste gleiche Frage. Man kann euren Titel als Symbol für Eindeutigkeit, aber auch Mehrdeutigkeit verstehen. In der Naturwissenschaft ist ein Indikator bekanntlich ein Hilfsmittel zum Bestimmen von Zuständen. In der Sprachwissenschaft dagegen wechselt die Bedeutung eines Indikators mit dem Zusammenhang, in dem er steht. Was waren eure Beweggründe, das Album so zu nennen?
Alexander Veljanov: Der Begriff hat wirklich wahnsinnig viele Bedeutungen. Im Englischen steht er zum Beispiel für den Blinker am Auto genauso wie für die Anzeigetafel an einem Bahnhof. Als wir das Album fertig hatten, gab es – wie immer – keinen Titel. Dieses Mal war es jedoch besonders schwer einen zu finden. Wir wussten nur, dass wir – wie so oft - keinen Songtitel nehmen wollten. Er sollte zum Ausdruck bringen, dass wir einen langen Weg gegangen sind und uns viele Menschen begleitet haben. Wie angesprochen, ging es im Vorfeld darum, zu definieren, wo man gerade als Band steht. Der Entstehungsprozess und das Vorhandensein von Ideen waren für uns somit ein Indikator für die künstlerische, aber auch menschliche Chemie zwischen uns. Die letzten Konzerte waren hingegen ein Indikator dafür, dass unser Publikum immer noch in der Lage ist in Stille zuzuhören und Musik aufzunehmen.

BODYSTYLER: Habt ihr eigentlich festgestellt, dass sich das Publikum - besonders bei den Akustikkonzerten - über die Jahre verändert hat? Piano-Musik erfreut sich ja generell immer größerer Beliebtheit, so dass man vermuten könnte, dass vielleicht sogar ganz andere Leute zu diesen Konzerten kommen.
Alexander Veljanov: Es ist inzwischen auf jeden Fall sehr gemischt. Es kommen Teenager oder sogar Kinder, aber auch Senioren. Außerdem ist es so, dass natürlich ein anderes Publikum erscheint, wenn man im Gewandhaus konzertiert. Da kommen nicht die Leute, die am Wochenende mal was erleben wollen und sich denken: „Das sind doch die Lakaien, die hatten mal „Dark star“ oder „Over and done“.“ Auf der kommenden Tour trifft man vielleicht eher wieder die Fans, die nicht sitzen oder so viel Geld wie für ein Konzert mit Orchester ausgeben wollen.

BODYSTYLER: Kennt Ihr eigentlich das Phänomen, dass sich bei Bands, die schon ein paar Jahre im Geschäft sind, irgendwann die alteingesessenen Fans zu Wort melden, um die Mähr von der guten alten Zeit zu erzählen?
Alexander Veljanov: Sicherlich gibt es Leute, die behaupten, dass wir nur bis zur "Winter Fish Testosterone" gut waren, denn danach sind wir zur bösen Industrie gegangen. Wer heutzutage jedoch Musik danach beurteilt, auf welchem Label sie erscheint, der ist selber Schuld. Natürlich kann man bei jungen Leuten, die gerade mit der Pubertät ringen, verstehen, dass sie sich abgrenzen wollen oder eben auch das Gegenteil versuchen. Wer jedoch unser neues Album objektiv anhört, der wird genauso viel Unangepasstes und Spannendes vernehmen wie bei unseren ersten Alben.

BODYSTYLER: Eigentlich trifft das doch auf alle eure Alben zu, da sie sich nie sofort vollständig erschlossen haben. Man muss sich seit jeher mit ihnen beschäftigen, sich mit ihnen auseinandersetzen.
Alexander Veljanov: Genau. Man muss sie sich erarbeiten. Die Aussage, dass früher alles besser war, ist Quark. Ich hoffe ja auch, dass ich heute als Sänger so gut wie noch nie zuvor bin. Ich habe über die Jahre viel dazu gelernt und mich als Sänger und Künstler entwickelt. Nicht nur handwerklich, sondern auch was die Inhalte angeht. Wenn ich mir eines unserer aktuellen Liebeslieder anhöre, dann entspricht das meinem jetzigen Empfinden und nicht dem vor zwanzig Jahren. Nimm nur "Love me to the end", das ich heute ganz anders interpretiere und von dem es bestimmt zwölf verschiedene Versionen gibt.

BODYSTYLER: Mir ist aufgefallen, dass ihr noch nie Demoversionen eurer Songs veröffentlicht habt. Manche Bands verwerten solches Material gern auf Bonus-CDs oder als Maxi-B-Seite. Gibt es diese Demos bei euch nicht oder seid ihr gar so perfektionistisch, dass ihr sagt, dass solch ein Vorstadium eines Songs nicht in die Öffentlichkeit gehört?
Alexander Veljanov: Demosongs hatten wir in diesem Sinne, dass wir uns mit ihnen bei einer Plattenfirma beworben haben, eigentlich wirklich nie. Vielleicht kann man "1987" so verstehen, da es ja das nie veröffentlichte zweite Album ist. Es gibt bis heute Versionen, die Ernst und ich zum Arbeiten austauschen, aber man muss daraus ja kein Geld machen. Diese könnte man natürlich als 3-CD-Special-Edition-Fan-Box herausbringen, aber nö. Später vielleicht mal, in der 100-Euro-Anthology-Box. Ich kenne so was und hab das von einigen Bands selbst zu Hause, aber so lange wir hochwertiges Material zur Verfügung haben, nehmen wir das doch lieber als B-Seite. Auf diesem Wege sind ja auch viele dieser Titel zu kleinen Hits und geschätzten Stücken geworden. Denk nur an "May be", "Madiel" oder "Traitors", und ich hoffe, dass unser neues Stück "Kraken" auch in diese Richtung geht.

BODYSTYLER: Ihr wart ja nun lange auf verschiedenen Tourneen unterwegs. Gibt es da denn Momente, die man zum Komponieren nutzt?
Alexander Veljanov: Da passiert bei uns wenig. Texte entstehen manchmal auf der Tour. Wir sind außerdem viel zu sehr damit beschäftigt, unsere Live-Versionen von Abend zu Abend zu verändern. Wir wollen beweglich bleiben und viele Songs klingen zu Beginn einer Tournee anders als am Ende. Außerdem entsteht manches auch aus Improvisationen, aber das ist ja das Gute daran, wenn man mit echten Musikern zusammen arbeitet.

BODYSTYLER: Lass uns doch mal über ein paar einzelne Songs reden. Als erstes habe ich mir die beiden Stücke "Along our road" und "On our stage again" ausgewählt, die auf mich wie Geschwister wirken. Kannst du mit diesem Eindruck etwas anfangen?
Alexander Veljanov: Geschwister? Keine Ahnung. Das sind halt zwei sehr nostalgische Lieder. "Along our road" ist ein Versuch zu beschreiben, dass es etwas sehr Schönes ist, mit Menschen einen langen Lebensabschnitt zu verbringen. Egal, ob das nun eine familiäre Bindung oder eine kollegiale Beziehung, Freundschaft oder Liebe ist. "On our stage again" ist einfach ein Dankeschön an unser Publikum. Es gibt mittlerweile einige Fans, die nicht nur eine, sondern viele Konzertkarten zu Hause haben. Wir bedienen auch ein wenig das Klischee, dass man mittlerweile viele Bühnen betritt, auf denen man bereits vor Jahren gespielt hat. Man dreht sich im Kreis, ohne sich jedoch zu wiederholen.

BODYSTYLER: Ich hatte das ebnenfalls so verstanden, dass es im weitesten Sinne um Beziehungen / Partnerschaften geht, ob nun privat oder beruflich. Beide Stücke haben außerdem gemein, dass sie langsam beginnen, dann etwas Fahrt aufnehmen und am Ende wieder ruhiger werden. Dabei wurde mir bewusst, dass beide Lieder mit einer beschwingten Melodie und gleichem Text eine geradezu euphorische Aufbruchsstimmung vermitteln würden. Ich gehe sogar so weit zu sagen – und hoffe, dass du das nicht falsch verstehst – dass sie auch in einer Fußballkurve funktionieren könnten. Viele Worte wecken einfach ein Gemeinschaftsgefühl und der müde Krieger schwingt sich am Ende wieder zu neuen Taten auf.
Alexander Veljanov: Ja klar. Warum nicht. Das hat vielleicht etwas mit der gewissen Eindringlichkeit zu tun. Ich weiß jedenfalls, was du meinst und bin zum Beispiel selbst großer Fußballfan. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass eines unserer Lieder – in einer angepassten Version – in einem Fußballstadion läuft. Aber stimmt schon, die beiden Songs haben etwas von Zusammenhalt und Zugehörigkeit und das ist mir so noch gar nicht aufgefallen. Sie stehen damit ja auch im Gegensatz zu anderen Stücken, die die Frage aufwerfen, wer wo dazugehören darf. Das passiert zum Beispiel bei "Immigrant" oder "Europe".

BODYSTYLER: Dann kann ich doch gleich bei "Europe" weiter machen. Ihr habt dort das gleiche Thema in englischer und französischer Sprache umgesetzt, nicht wortwörtlich, aber sinngemäß. Warum diese beiden und nicht noch eine slawische oder deutsche Strophe?
Alexander Veljanov: Ich wollte ursprünglich in verschiedenen Sprachen singen, aber das ist ja auch eine Frage der Länge des Songs. Nun sind es eben nur noch die beiden großen Sprachen in Europa geworden, obwohl die deutsche sicherlich auch dazu zählt. Wichtiger war jedoch, die Frage zu vermitteln, wer eigentlich definiert, was Europa genau ist? Wie möchte sich dort jeder Einzelne aufgehoben wissen? Und was passiert am Ende, wenn diese Fragen nicht sinnvoll oder friedvoll beantwortet werden? Wenn wir uns als Europäer definieren und auf die wahnsinnig facettenreiche Kulturgeschichte unseres Kontinents stolz sind, dann muss man auch zum europäischen Gedanken der Demokratie und des Humanismus stehen. Wenn das nicht die Basis ist, kann das Gesamtkonzept nicht funktionieren.

BODYSTYLER: Ihr habt auf euren Alben immer mindestens ein sehr leichtfüßiges und romantisches Lied. Auf diesem ist das eindeutig „Without your words“. Ich mag dieses Spiel mit den Begrifflichkeiten - no poem without words, no chords without notes oder no tears without sad eyes - die zum einen sehr melancholische Bilder, aber auch knackige, prägnante Vergleiche beinhalten. Wie ist dieser Text entstanden und an wen richtet er sich?
Alexander Veljanov: Das ist einer dieser Texte, der mir sehr zu schaffen gemacht hat und derjenige, der als allerletztes fertig wurde. Ich hatte ihn nämlich ebenfalls in verschiedenen Sprachen angefangen zu schreiben. Es gab eine deutsche, englische und französische Version. Zum Charakter des Stückes: Ich glaube, es hat etwas sehr in sich ruhendes, aber auch fragendes. Ich wollte genau diese Wort-Paare, die einerseits zusammen gehören, teilweise aber auch sehr unterschiedlich sind. Sie ziehen sich an, stoßen sich aber auch ab. Die Quintessenz ist „there is no poem without your words“ und das kann man vielfältig interpretieren. Woher kommen die Worte? Sie sind ein Geschenk und ohne die Fähigkeit, sie zu hören, zu lesen oder zu denken, würde nie ein Gedicht entstehen, das ich singen könnte. Das Lied ist ein Dankeschön an die unerklärlichen Wunder und die Schönheit der Natur. Man kann es aber auch als Liebeslied verstehen, da es Dinge gibt, die passieren, weil einen andere Menschen dazu inspirieren. Dieser Song ist wirklich sehr romantisch und emotional, dabei aber hoffentlich nicht kitschig.

BODYSTYLER: Lass uns auch noch über „Go away bad dreams“ sprechen, das mir durch seinen fast walzerartigen Rhythmus aufgefallen ist, mich aber auch streckenweise an ein Volkslied erinnert.
Alexander Veljanov: Der Rhythmus wechselt zumindest des öfteren und wir verarbeiten hier irisch/keltische Einflüsse. Es ist ein shakespearhafter, theaterartiger Kreistanz. Es gibt in vielen Kulturen Tänze, um böse Geister oder den Regen zu vertreiben und dieses Lied greift das auf, da es Alpträume, die Nacht für Nacht wiederkehren, vertreiben soll. Diese mantraartigen Wiederholungen in der Melodie, aber auch der Rhythmik sollen das verdeutlichen. Nimm ganz aktuell Soldaten, die im Krieg Dinge gesehen haben, die sie nicht verarbeiten können. Das ist unbeschreiblich schlimm und es gibt Menschen, die sich ein Leben lang davon nicht mehr erholen. Ich habe durch meinen Vater einen Bezug zu diesem Thema, da er im Zweiten Weltkrieg Kriegsgefangener war und früh in mir den Entschluss festigte, dass ich nie eine Waffe in die Hand nehmen möchte. Dieses Lied soll diese quälenden Träume vertreiben.

BODYSTYLER: Vielleicht auch einfangen? Traumfänger...
Alexander Veljanov: Einfangen... Ja, vielleicht kann man sie wirklich einfangen.

BODYSTYLER: Nun möchte ich dich zu „6'o'clock“ befragen...
Alexander Veljanov: Das ist anscheinend ein Männerstück. Ich habe bis jetzt schon von vielen Frauen gehört, dass sie damit nicht viel anfangen können.

BODYSTYLER: Okay, müsste man mal testen. Wer ist eigentlich der „Lord“, den du im Text ansprichst? Das könnte man ja als „Gott“ verstehen, aber der Sklave hat seinen Herrn ja ebenfalls Lord genannt und die Menschheit hat ja auch ihre Herren...
Alexander Veljanov: Super. Genau das ist es. Es geht um den Sklaven, der seinen Herren, der ihn ausbeutet, anklagt. Aber natürlich kann ein Lord auch ein ranghoher Kirchenvertreter oder ein Firmenboss sein, der in der Dritten Welt Kinder arbeiten lässt. Es geht, kurz gesagt, um Zustände, die man als Humanist nicht gutheißen kann. Moderne Sklaverei hat ein anderes, aber genauso schreckliches Gesicht wie vor hundert oder mehr Jahren. Nimm die Kinderarbeit oder die Zwangsprostitution heute und früher waren es die schwarzen Sklaven in Amerika oder die Holzfäller im Schwarzwald. Das ist ein sehr wütendes Stück, wenn ich sage, dass man meine Liebe nicht kaufen kann.

BODYSTYLER: Und wie kam es zu dieser Uhrzeit?
Alexander Veljanov: Ich bin einfach zu dieser Zeit durch den Moloch Großstadt geschlendert und habe Kinderprostitution und den Dreck beobachtet, der deutlich wird, wenn die Neonlichter verblassen und die Sonne sich die Mühe macht wieder aufzustehen.

BODYSTYLER: Bei Texten wie „Blue heart“ oder „Immigrant“ musste ich an die schwierige Situation eines Sängers denken, sich solche verschachtelten, schnell vorgetragenen und wortreichen Texte merken zu müssen. Gibt es da Tricks oder bist du ein Naturtalent?
Alexander Veljanov: Na ja, es gelingt mir auch nicht immer (grinst). Ich sehe das jedoch als eine Herausforderung, diese vielen Silben schnell und doch melodisch zu singen. Besonders „Immigrant“ war da schwierig, und ich hoffe, dass es trotz der Härte leicht und unverkrampft klingt. Ich hab das nun mal gelernt und man muss es jedes Mal wieder versuchen. „Song for a mad choir singer“ ist auch so ein extremes Beispiel. Da bricht dir echt die Zunge ab, wenn du das live singen willst. Mal sehen, wie das bei den beiden Songs wird, aber ich gehe mit solchen Texten einfach spielerisch um, wo sich die Leute am Ende manchmal beschweren, dass ich nicht genau das gesungen habe, was sie von CD kennen. Zum Glück bin ich nicht so empfindlich, was schlechte Luft angeht, aber manchmal muss man trotzdem ein wenig haushalten mit der Stimme.

BODYSTYLER: Zum Schluss möchte ich gern noch wissen, warum man dieses Mal kein Stück auf dem Album findet, das euren Sinn für Humor, Ironie oder Sarkasmus widerspiegelt?
Alexander Veljanov: Ich glaube, der humorvollste Song ist „The old man is dead“. Schwärzeren Humor gibt es nicht. Es geht um einen Kriegsveteranen à la Ernst Jünger aus dem Ersten Weltkrieg, der sich für etwas Besonderes hält, weil er für die große Idee gekämpft hat. Und dieser Mensch ist im Begriff zu sterben, weil ein Insekt ihn gestochen hat. Das ist ein Schlaflied für einen großen Krieger und eine bitterböse Abrechnung mit Kriegsfanatikern oder großen deutschen Männern, die sich auf Grund ihres Blutes für etwas Besseres gehalten haben

BODYSTYLER: Gut, das hab ich jetzt ohne Booklet nicht verstanden. Ich hab vermutet, dass „Kraken“, die B-Seite von „Gone“, von der ich nur den Titel kenne, humorvoll sein könnte.
Alexander Veljanov: Das Lied ist zynisch und beschäftigt sich mit der Krake Google und deren Versuche, alle Menschen zu katalogisieren und in ihre Schlafzimmer zu schauen.

BODYSTYLER: Zusammenfassend kann man vielleicht sagen, dass ihr eure beiden weißen Alben, aber auch ein gelbes habt und dieses ist vielleicht euer politischstes oder das, das sich am meisten sozial engagiert.
Alexander Veljanov: Das kann schon sein, obwohl die Liebe und die großen Gefühle und Fragen des Lebens genauso wieder dabei sind. Es gibt Gesellschaftskritik, aber sie überschattet hoffentlich nicht die Musik. Das Album ist lebendig und vielseitig und gehört meiner Meinung nach zum Besten, was wir je veröffentlicht haben. Außerdem soll es den Leuten Spaß machen und sie unterhalten. Deine Fragen zeigen zudem, dass man sich mit diesem Album auseinandersetzen kann und das ist ein gutes Zeichen, denn es gibt schon genug Alben, die man nur aus Nostalgie kauft.

BODYSTYLER: Vielen Dank und ich wünsche euch alles Gute und weiterhin viel Erfolg!


Homepage: Deine-Lakaien.com
© 2010 // Bodystyler Electrozine // Torsten Pape

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