Distain

"Die Absicht dahinter war nicht, mehr Erfolg zu haben
!"

Bei !distain weiß der kundige Musikfan bereits seit vielen Jahren, was ihn auf einem neuen Album erwarten wird. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist es der elektronische Pop, manchmal nah am Rande der Schnulzigkeit – man verzeihe mir die Wortwahl – mal zur etwas härteren Gangart tendierend und ganz oft genau mittendrin.
 
Interview: Torsten Pape //   Foto: Barbara Andres //   
 

"Viele der Kritisierten werden die Kritik nicht verstehen!"

 



 
 

»Der Mensch als solcher sieht insgesamt ganz gerne mal weg!«

!distain schaut immer hinter viele Ecken
 
 
 

!distain
„on/off“
Mit ihrem sechsten Album bietet das süddeutsche Duo erneut ein unterhaltsames Menü synthetischer Klänge. Fast jeder Ton geht dabei geschmeidig ins Ohr und beim ersten Kontakt entsteht zunächst ein sehr fluffiger, fast schon etwas handzahmer Eindruck. Mit jedem Durchlauf schälen sich jedoch neue Ecken und Kanten heraus. Sei es ein kritischer Text, der im sanften Vortrag zunächst unterging („why („bootlicking hypocrites“), eine fetzige EBM-Annäherung („values of trust“) oder die schmissige 90er Hymne „mediaevil presence“. Dieses Mal ist der Anteil deutscher Texte übrigens deutlich höher als gewohnt und manch einer wird dabei, aber auch bei „my god“, Schlagernähe wittern. Sei’s drum! Am Ende siegt deutlich und verdient der Synthiepop und das mitgelieferte Augenzwinkern lässt einen lässig zurückblinzeln. (Torsten Pape)
VÖ: 13.05.2011 // Echozone

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tets dabei sind ebenfalls die tollen Melodien und die zumeist recht deutlichen und meist gar nicht banalen Texte, die sich – kurz gesagt - mit den Gegensätzlich- und Widersprüchlichkeiten unserer Welt befassen. Auch auf dem neuen Werk „on/off“ sowie der Single „Mein Weg“ hat man die gegebenen Talente und Fertigkeiten wieder auf das Angenehmste ausgeschöpft. Alexander Braun und Manfred Thomaser, beide für Instrumente und Gesang zuständig, standen Rede und Antwort.


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BODYSTYLER: “on/off” ist das sechste Album in 19 Jahren Bandgeschichte. Ist das eigentlich viel oder wenig? Wärt Ihr gern produktiver gewesen oder war das Tempo so in Ordnung?
Alexander Braun: Wir waren eigentlich mit dem Tempo immer ganz zufrieden, zumal man ja nicht auf Knopfdruck kreativ sein kann und es auch immer wieder Phasen gibt, wo wir mit Proben, Video-Dreh oder Remixen beschäftigt sind. Wenn man sich da Druck macht, besteht für mich die Gefahr, dass man zu viele Kompromisse eingeht oder auch einfach der Spaß flöten geht.
BODYSTYLER: Was meint Ihr, wie vielen Leuten überhaupt aufgefallen ist, dass das Ausrufezeichen im Bandnamen nach vorn gerutscht ist?
Manfred Thomaser: Das ist ne gute Frage. Dass es schlicht die Band-Umbesetzung symbolisiert, ist wohl für manche nicht auf Anhieb ersichtlich. Wir werden hier und da mal darauf angesprochen, aber da man unsere CDs auch mit der „neuen“ Schreibweise im CD-Regal unter „d“ findet, hat es manch einer vielleicht nie bemerkt.
BODYSTYLER: Nachdem „the FLA“ - gerade in der Rotersand-Kooperation – recht erfolgreich war und eine andere, härtere Facette darstellte, wurde dieser Weg auf „on/off“ nur bedingt, evtl. bei “values of trust”, bzw. gar nicht weiterverfolgt. Warum eigentlich nicht?
Manfred: Es war nie das Ziel, eine härtere Facette aufzulegen. Unsere Musik entsteht nicht auf Ansage hin. Jede neue Komposition unterliegt einer Art Zufallsprinzip. Und da lässt sich reichlich wenig planen. So wie „Mandragore“ auf Gitarren basiert, ist „the FLA“ härter ausgefallen. Für !distain ist das aber aus unserer Sicht so ungewöhnlich nicht. „Neongod“ vom „li:quid“ Album ist ein weiteres Beispiel. Oder „black mountain love affair“ von „25 frames a second“. All diese Songs fallen irgendwie aus dem Rahmen und irgendwie auch nicht. Jedenfalls war die Absicht dahinter nicht, mehr Erfolg zu haben. Da könnte man ganz andere Dinger am Reißbrett entwerfen...
BODYSTYLER: Schon immer habt ihr harte Worte in samtenen Vortrag verpackt. Was reizt Euch an dieser Vortragsweise? Haben die Kritisierten so überhaupt eine Chance, die Kritik zu verstehen?
Manfred: Diese Art der Vortragsweise ist aus unserer Sicht ein Spiegelbild der Menschheitsgeschichte. Aktuell ist uns allen z.B. sehr klar, wohin die Reise geht, wenn wir die Erde weiterhin verschmutzen. Trotzdem ziehen wir nicht an der Reißleine. Mindestens im Westen leben die Gesellschaften nach dem Motto: „Uns wird schon nichts geschehen.“ Die aktuelle Lage in Japan könnte einiges ändern, aber das hat man bereits bei Tschernobyl gedacht. Leider ging die Party weiter. Und genau an dieser Linie der Wahrnehmung von vorhandenem Bewusstsein und dem gleichzeitigen Ignorieren wandern viele unserer Songs entlang und werfen mit Worten und Tönen um sich. Eines ist uns dabei natürlich klar: Viele der Kritisierten werden die Kritik nicht verstehen, weil sie sich selbst nicht angesprochen fühlen. Der Mensch als solcher sieht insgesamt ganz gerne mal weg. Auch bei sich selbst.
Alexander: Ich finde, zuerst sollte man mit sich selbst im Reinen sein, bevor man die Welt verbessern will. Wenn Frieden im Innern ist, kommt der Frieden im Außen von ganz alleine. Deshalb sehe ich die Texte auch nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern als unsere Sicht der Dinge, mit der sich mancher vielleicht identifizieren kann.
BODYSTYLER: Über die Jahre gewinnt die deutsche Sprache in Euren Songs immer mehr an Bedeutung. Wie kommt's? Gab es da ein Schlüsselerlebnis?
Alexander: Wenn ein Song es schafft, ein Gefühl zu transportieren, Dich irgendwie zu berühren, dann haben wir unser Ziel erreicht. Und manchmal scheint mir dies Ziel mit deutscher Sprache besser erreichbar, manchmal mit englischer und manchmal auch gemischt wie bei „confession“. Manchmal ist es auch einfach Zufall, weil gerade ein deutscher Text rumliegt (lacht).
BODYSTYLER: Ich finde es besonders schön, wie Ihr auf dem Cover versucht habt, mit Euren Gesichtsausdrücken den Albumtitel umzusetzen. Was könnt Ihr uns zu den aktuellen Fotos erzählen? Sieht außerdem so aus, als ob Ihr in einer Dunkelkammer gestanden habt - das etwas andere Rotlichtmillieu...
Alexander: Das freut mich, das war auch genau der Plan. Wir hatten diesmal schon vor dem Shooting und vor dem Erstellen des Artworks eine ziemlich genaue Vorstellung vom Gesamtkonzept. Dadurch konnten wir im Fotostudio schon für diesen Zweck „posen“. Inspiriert wurden wir dazu von einem Foto, auf dem eine Häuserwand mit schablonenhaft aufgesprühten Gesichtern zu sehen war. Dieser „Sprüh“-Effekt wurde dann im Nachhinein im Computer umgesetzt.
BODYSTYLER: Neulich hörte ich „mein weg“ im Autoradio und wurde von einem Passanten gefragt, wie sich denn dieser Schlagersong mit meinem Skinny Puppy-Aufkleber am Heck vereinbaren lässt. Ich hatte eine Antwort parat, aber wie hätte die Eure gelautet?
Alexander: (grinst) Wie man ja jüngst am Beispiel von Till Lindemann und Sophia Thomalla sieht, stehen Frauen auf harte Männer mit weichem Kern. Das zeigst Du durch Deinen Musikgeschmack. Und es zeigt ja auch, dass Du sehr selbstbewusst bist und Dich keinen Konventionen unterordnest... OK, hab ein bisschen gebraucht für diese Antwort (lacht).
BODYSTYLER: Mit “mediaeval presence” packt Ihr einen schicken Ohrwurm mit fetzigen 90er Referenzen ganz ans Ende des Albums. Wie ist dieser Song entstanden? Warum hat er sich die rote Laterne verdient?
Manfred: Die Version auf „on/off“ entstand in Zusammenarbeit mit Peter Rainman, mit dem wir seit einigen Jahren immer wieder kooperieren. Ursprünglich war eine andere Version für „on/off“ vorgesehen, die nach ihrer Fertigstellung aber nicht ins Gesamtbild passte. Also fragten wir Peter, ob er Zeit für eine neue Version des Songs hätte. Die einzige Vorgabe war, dass wir keinen Remix von ihm wollten, sondern eine songorientierte Produktion. Und die lieferte er aus unserer Sicht dann auch ab. Und wie jeder Song, musste auch dieser ins Gesamtbild passen. Die rote Laterne übernahm das Stück übrigens gerne, weil kein Song, der es auf ein Album geschafft hat, absteigen kann.
BODYSTYLER: Elektrostaub, ein Projekt von Patrick Knoch, arbeitet in letzter Zeit des Öfteren mit Euch zusammen (Neufassung von “Confession”, “Dunkle Zeit” und nun “mein weg” - Anm.d.Verf.). Macht doch mal bitte etwas Werbung für den Jungen, so als Staubfan(ger)s. Wo war er vorher aktiv und was kann man vom Debütalbum erwarten?
Manfred: Über Patricks Vorleben wissen wir absolut nichts. Es erscheint uns auch besser zu sein, ihn in seiner Anwesenheit nicht danach zu fragen. Gerüchte gibt es jedenfalls reichlich! Sein Debütalbum wird neben seinen Versionen von „mein weg“ und „Dunkle Zeit“ noch ein bis zwei weitere Stücke enthalten, an deren Entstehung wir beteiligt waren. Wer die gerade genannten Songs mag, dem sollte das Album gefallen. Patrick versteht es, viel Druck und Atmosphäre aufzubauen.
BODYSTYLER: „Neighbours“, Euer Camouflage-Cover, wurde ja bereits 2005 veröffentlicht. Warum kommt es jetzt zu erneuten Ehren?
Alexander: Das war damals im Rahmen einer Camouflage-Tribute CD, die allerdings nur in Amerika erschienen ist. Da uns diese Version von Ex-Bandmitglied Oliver Faig - wir arbeiten ab und an noch zusammen - so gut gefallen hat, wollten wir sie auf diesem Weg noch mal zum Besten geben.
BODYSTYLER: Angesichts der langen Bandgeschichte waren !distain nie sonderlich viel live aktiv und haben sich auch nicht gerade häufig mit den großen Namen umgeben. Warum wurden diese Möglichkeiten von Euch kaum genutzt? Immerhin hätte der ganz große Durchbruch hinter einer Ecke lauern können?
Alexander: Hinter diese Ecken schauen wir auch heute noch, wer weiß was man da findet... Wir arbeiten sehr gerne mit anderen Musikern zusammen, da spielt es für mich keine Rolle, ob die einen großen Namen haben oder nicht. Spaß und Freundschaft spielt hier die größere Rolle. Und wenn das dann in so eine kommerzielle, opportunistische Ecke gerät und wir für einen schlechten Remix viel Geld zahlen müssten, nur, um mich mit einen großen Namen zu umgeben, dann ist das eher nicht mein Ding. Und Special Guest eines großen Live Acts zu sein, möchte ich mir lieber erarbeiten, nicht erkaufen!
BODYSTYLER: Manfred, seit Neil Tennant weiß man ja, dass es Musikjournalisten gibt, die selbst Musik machen. Ist das eine Konstellation, die problemlos funktioniert oder gab es schon Reibereien auf Grund einer vielleicht zu kritischen Schreibe?
Manfred: Es gibt sicherlich Bands, deren CDs ich nicht bespreche, weil mancher Leser gleich Vergleiche zu !distain zieht. Es heißt dann schnell: „ihr macht es mit !distain nicht besser“ und diese Grabenkämpfe bringen nichts. Den Journalismus und !distain versuche ich also getrennt zu behandeln. Dabei war es meine CD-Besprechung zu „Cement Garden“, die das erste lange Gespräch zwischen Alexander und mir brachte. So kann es auch gehen im Leben.
Alexander: Ja, das mit der Rezi war sehr lustig, er hat da sehr fantasievoll etwas von jungen Prinzen oder so geschrieben. Wir dachten erst, der ist schwul...
BODYSTYLER: Was gibt’s eigentlich Neues in Sachen Sonictune, das Nebenprojekt von Alexander? Sind vielleicht schon neue Songs in der Mache? Ich fand das Debüt-Album ja sehr gelungen, würde aber meinen, dass es leider nicht der große Wurf geworden ist.

Alexander: Das Feedback auf das Album war damals zwar geradezu überwältigend, aber mit einem kleinen Label aus Polen, das es mittlerweile auch nicht mehr gibt, kann man eben keine Bäume ausreißen. Dazu kam erschwerend, dass es mir wegen !distain einfach nicht möglich war, mit Sonictune live unterwegs zu sein. Im Moment konzentrieren wir gemeinsam alle unsere Kräfte auf !distain und hoffen, hinter der nächsten Ecke was zu finden....
BODYSTYLER: Dann wünsche ich viel Spaß beim Suchen und hoffentlich auch Finden!
!distain: Vielen Dank! Auch für das Interview! //




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