Kellermensch

"Das ist der Grund, warum wir Geigen mit einschließen, obwohl wir kein festes Mitglied in der Band haben, das Geige spielt!"


Der Anders trommelte einsam am Wegesrand, da kam der Claudio mit seinem Bass und schlug ein paar dunkle Töne an. Jan und John hörten das und fetzten auf ihren Gitarren ein paar Riffs hinzu. „Schön“, sagten die vier (laut Überlieferung), „aber Instrumentalmusik ist was für pseudointellektuelle Hippies“. Der Claudio rief: „Mein Bruder, der Sebastian, kann singen wie ein Wolff. Besonders, wenn sein Kumpel Christian ihn mit rauer Kehle unterstützt“. Also legten sie los. Da rief ein Mensch: „Ruhe!“. Da gingen sie in den Keller.
 
Interview: Spider //   Foto: Mali Lazell //   
 

Ein Sixpack dänische Menschen aus dem Keller: Kellermensch

 



 
 

»Wir hatten unseren Anteil an unbehaglichen Klubs, mit nur einem nach Kotze stinkenden Gang, um unser Zeug abzustellen und uns bereitzumachen!«

 
 
 
 

KELLERMENSCH
"Kellermensch"
Sechs Dänen laden zur Fete in den Keller, Mensch! Da wird zu bretternden Gitarren über den Fußboden gesteppt und so mancher Aquavit gekippt. Die Wände beben von der Stampede der krachenden Musik, die gekonnt zwischen dreckigem Alternativrock und sauberen Indie Melodien wankt. Der Staub rieselt von der Decke und dringt geschmeidig in die Kehle von Sänger Sebastian Wolff, der seine Emotionen ins Mikrofon heult und seine Wut, in rauen Wolken, herausspuckt. Eine Feier mit viel lauter Euphorie und leisen Momenten, die man bis zum Morgengrauen genießt. So eilt herbei ihr Freunde handgemachter Musik, egal ob ihr sonst auf Metal-, Alternativ-, New Wave- oder Blues Partys schwooft, die Bowle hier hat alle Zutaten und viel Kellergeist. (Spider)
VÖ: 03.06.11 // Vertigo/Universal

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

enn ich sechs Dänen in einen Keller packe, erwarte ich ein ordentliches Saufgelage. Ihr jedoch kehrt mit einem tiefsinnigen und vielschichtigen Album zurück, das auch noch ordentlich rockt. Wie habt ihr das Kunststück vollbracht?


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Sebastian: Ich glaube, dass wir uns Zeit nahmen und wirklich keinen Ehrgeiz hatten, uns in die gegenwärtige Musik-Szene einzufügen. Wir redeten viel darüber, warum wir ein Album machen wollen und begriffen schnell, dass wir etwas Neues auf den Tisch bringen wollten. Wir hatten die Hoffnung, dass bei dem Vorhaben unsere Persönlichkeiten in einen Sound einfließen, der gleichermaßen einfach und komplex ist. Wir versuchen die praktischen Möglichkeiten unseres musikalischen Sachverstands zu akzeptieren, zu vereinigen, und sie mit dem Potenzial der Lieder zu mischen. Das ist auch der Grund, warum wir uns dafür entschieden Geigen mit einzuschließen, obwohl wir kein festes Mitglied in der Band haben, das Geige spielt. Wir haben bis jetzt verschiedene Geiger auf der Bühne gehabt.

Das hört sich gleichermaßen basisdemokratisch und revolutionär an. Es scheint so, als ob niemand dem anderen gehörig die Meinung geigt.
BODYSTYLER: Wie einigt Ihr Euch, welche Parts Sebastian und welche Christian singt? Ich hoffe ohne blutige Nasen.
Christian: Wir singen sehr verschieden, so denke ich nicht, dass es sehr hart ist zu entscheiden, wer was singt. Meine Parts brauchen eine bestimmte Dynamik, um für den Gesang zu passen.

Äußerst dynamisch geben sich Kellermensch auch bei ihren Konzerten, wie ich kürzlich erleben durfte.
BODYSTYLER: Bei Eurem Auftritt im Lido in Berlin habt Ihr Euch alle ins Zeug gelegt. Wie wichtig sind Euch Live Konzerte?
Sebastian: Ich denke, dass sie ein Hauptteil dessen sind, was wir tun. Wir wollen etwas ausdrücken und wir haben nur wenige Möglichkeiten dieses zu tun: Alben machen und live spielen. So ist es natürlich für uns sehr wichtig, dass wir das ganze Gefühl und die Intensität ausdrücken, die unsere Lieder auf der Bühne, sowie im Studio besitzen. Ich denke auch, dass die Bühne ein sehr guter Platz für die Lieder ist, um sich zu entfalten. Es kann viel kraftvoller sein als eine Aufnahme.
BODYSTYLER: Sebastian spielte dann auch noch den Klettermaxe. Ich hoffe, der Popo tat nicht zu sehr weh, Du bist doch etwas unsanft auf ihn geplumpst. Sind solche Ausflüge spontan oder geplant?
Christian: Wir planen nichts Spezifisches. Wir ziehen uns auf eine bestimmte Weise an und wir sind viele Leute auf der Bühne. So sprechen wir darüber, wie wir den Raum auf der Bühne am besten verwenden. Wir planen aber nicht uns auf eine bestimmte Weise zu verhalten.
Sebastian: Ich denke, dass es für uns wichtig ist, dass wir Platz für das Unerwartete lassen, wenn wir spielen.

Geordnetes Chaos, wie man es im Tierreich bei den Ameisen findet.
BODYSTYLER: In Eurem Song „Army ants“ berichtet Ihr von einer Aufbruchstimmung, die persönlichen Schmerz zurücklässt. Wie kamt Ihr auf den Songtitel?
Sebastian: Ich bin fasziniert von der Debatte bezüglich der Willensfreiheit und davon, welchen Fortschritt die Wissenschaftler mit der Aufdeckung des Mysteriums, des Bewusstseins gemacht haben. Die anfängliche Idee, die mich fesselte, bestand darin, dass ein Gesichtspunkt, der für mich beunruhigend und demotivierend ist, als Trost und Emporhebung wahrgenommen werden kann. Wenn wir einfach die Tätigkeit unserer Gene sind, welche den Ablauf spielen, dann können wir uns nie wirklich verantwortlich für unsere Leben fühlen. Und mein Songtext weist darauf hin, dass dies ein Grund sein kann, die depressiven und schamvollen Gedanken gehen zu lassen. In Anlehnung an den Songtitel scheinen Ameisen in strukturierten Gesellschaften zu leben, und doch denken die meisten Menschen an individuelle Ameisen, die nur ihrem pre-programmierten Verhalten folgen. So schienen Ameisen ein passendes Image zu sein. Armee Ameise hört sich einfach besser an als einfach nur Ameisen.

War Ameisensäure nun eigentlich gesund oder führt sie zu Vernebelung der Sinne.. oder beides? Ich weiß es nicht mehr.
BODYSTYLER: Kennt einer von Euch das erquickende Gefühl, wenn man sich aus Versehen auf einen Ameisenhaufen setzt?
Sebastian: Nein, das habe ich nie versucht.

Im Keller gibt es ja auch eher Asseln. Und (Lese)Ratten.
BODYSTYLER: Abgesehen von Fyodor Dostoevsky, welcher die Inspiration zum Bandnamen gab, was ist Eure bevorzugte Lektüre?
Sebastian: Ich mag vieles an verschiedener Literatur, aber wenn ich an meine Lieblingsromane denke, gibt es mehr eine Tendenz zu Beschreibungen des Lebens, nicht der Handlung. Ein Autor wie Charles Bukowski ist ein gutes Beispiel, ihn mögen auch viele in der Band. Ansonsten, was den Rest der Band betrifft, denke ich, dass wir verschiedene Dinge lesen und nicht alle so passionierte Leser sind.


Da wir uns nun schon mit Charles Bukowski, dem Schlüpfrigen, widmen, möchte ich dieses Themengebiet ungern zum Abschluss verlassen.
BODYSTYLER: Mit Eurer Musik würdet ihr sicher perfekt in den „Titty Twister Club“ aus dem Film „From Dusk till Dawn“ passen. Habt Ihr schon mal in ähnlich gruseliger oder verruchter Atmosphäre gespielt?
Sebastian: Nicht ganz, denke ich. Es sind keine Vampire in unseren Shows aufgetaucht. Aber wir hatten unseren Anteil an unbehaglichen Klubs. Zum Beispiel mit einem nach Kotze stinkenden Gang, um unser Zeug abzustellen und uns bereitzumachen.

Das klingt ja wie backstage bei Germanys Next Topmodel! //




Homepage: Kellermensch.com

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