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Nin Kuji

"Ich bin kauzig, weltfremd und ein komplett falsch gepolter Workaholic!"


Trotz erschwerter Recherchebedingungen haben wir es  geschafft, das kauzige Master-Mind des Elektro-Projekts NIN KUJI aufzuspüren und ihn im Tausch gegen eine Wagenladung Nori-Algen, 3 Fässer Sake und 2 Bonsaibäumchen aus dem Redaktionsbestand dazu zu bewegen, in eine fesselnde Frage-Antwort-Runde zu den Themen „Wer bin ich?“, „Was mache ich?“ und „Wieso kennt mich Lord Facebook nicht?“ einzusteigen.
 
Interview: Frank Bentert //          
 

Ziemlich finster: Seit 10 Jahren keinen Fernsehanschluss

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»Da mein Geist einen undefinierbaren Schaden hat, gibt es oft genug Gedankengänge, die verarbeitet werden wollen!«

Nin Kuji nach den Inspirationsquellen gefragt
 
 
 

Nin Kuji
„Sayonara“
Das Ant-Zen als Garant für qualitativ hochwertige Musik steht, würde ich ebenso wenig zu den Geheimnissen der Menschheit zählen, wie den Umstand, dass die dort vertretenen Acts zumeist abseits stilistisch ausgetretener Pfade agieren. In dieser Hinsicht weiß auch Nin Kuji nicht zu überraschen. Umso überraschender aber ist, wie Norman P., Klangdesigner hinter dem Industrial-Projekt, es auf „Sayonara“ immer wieder schafft, den Hörer in ein paralleles Elektroniversum zu befördern und dabei sämtliche musikalische Orientierungspunkte außen vor lässt. Wir wissen nichts, wir haben nichts je zuvor gehört, alles beginnt mit dem Druck auf die Play Taste! Ausgeglichen und feinfühlig, doch zugleich hart und bedrohlich, umhüllt von sphärischen Flächen und angetrieben von Bässen und Drums, nimmt uns das Album mit auf eine Reise in die Tiefen der klanglichen Vielfalt. Sayonara! Anspieltipp: „Tamashii“ (Frank Bentert)
VÖ: 10.11.10 // Ant-Zen

 
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Myspace.com/NinKuji
 
 
 
 
 

usstest Du, dass im Internet so gut wie nichts über Dich als Person zu finden ist? Das macht ein Interview natürlich schwierig. Da Du also scheinbar lieber unerkannt bleibst, stellt sich die Frage, worüber wir sprechen wollen. Wetter? Usbekische Außenpolitik? Oder lieber über die Sonderangebote der nächsten Woche bei Netto?
Nin Kuji: Wie wundervoll, dann hat Lord Facebook mich nun vielleicht als nicht existierenden Menschen eingestuft. Aber das kann ich verdauen. Ich muss nicht unbedingt unerkannt bleiben, ich bin nur sehr kauzig und weltfremd. Deswegen kann ich wohl auch schlecht zu Politik und Sonderangeboten antworten. Da Du meinen aktuellen Tonträger gehört hast, bestätigt sich das ja auch nur: Gesellschaftskritik und Politik bleiben auch da weitestgehend außen vor, so wie große Teile des gesamten Hier und Jetzt.
BODYSTYLER: Kauzige und weltfremde sind also unpolitisch? Hm, ich dachte, das wäre Einstellungsvorrausetzung in der Politik. Okay dann fangen wir vielleicht doch mit ’nem "Klassiker" an, der Namensfrage.
Da ich genau so gut Japanisch spreche, wie Dick Cheney schießt, erklär mir doch bitte mal, was Nin Kuji eigentlich bedeutet. Hat es einen tieferen Sinn oder ist es am Ende nur der Name einer Damenbinden-Marke, die Dir nach einem Besuch im Land der aufgehenden Sonne im Gedächtnis geblieben ist?
Nin Kuji: Da nutze ich doch mal die Gelegenheit und frage mich, ob Interviewer diese Frage ebenso ungern stellen wie Musiker sie beantworten?
BODYSTYLER: Also ich bring die immer wieder gern, das lockert die Stimmung.
Nin Kuji: Vielleicht wäre es smarter zu sagen, dass es nichts bedeutet und nur lustig klingt. Aber das wäre kein höfliches Signal. Ich übersetze mal die Elemente: Nin bedeutet neben vielen anderen Interpretationen `versteckt´ oder `geheim´. Kuji ist die magische Zahl neun. Darüber hinaus fällt es mir schwer, diesbezügliche Emotionen in Erklärungen zu wandeln. Es sei aber so viel gesagt, dass mir der Künstlername als motivierendes Leitbild dient. Der japanische Kontext ist bei mir nicht unbedingt so verwurzelt wie z. B. bei Mono no Aware, wo wirklich ein fundiertes Wissen und eine Verbundenheit zu Japan dahinter stehen. Ich habe als Kind und junger Jugendlicher gerne Sachbücher sowie Bildbände über das moderne und feudale Japan durchgesehen und damals eine gewisse Faszination für dessen Ästhetik, Kultur und Mythologie entwickelt. Heute nutze ich davon einige Fragmente, um auch meiner Musik und dem zugehörigen Mikrokosmos eine ansprechende Wirkung zu verpassen.
BODYSTYLER: Und wieder was gelernt, spitze! Da das mit uns jetzt so gut läuft, fummle ich gleich die nächste Frage aus meiner 0815-Interviewbox: Woher bekommst Du Deine Inspiration für neue Tracks? Schaust Du regelmäßig Takeshi's Castle oder lieber Mila Superstar?
Nin Kuji: Das eher nicht. Ich hatte jetzt seit zehn Jahren keinen Fernseh-Anschluss. Und jetzt, da einer da ist, hat sich meine Haltung zu unproduktiven, Zeit fressenden Tätigkeiten wie TV oder unnötige Social-Network-Aktivitäten nicht geändert. Ich komme schon so zu selten zum Musizieren - das war auch mal anders… Wie viele unkommerzielle Musiker beziehe ich meine Inspiration aus persönlichen Erfahrungen. Da mein Geist irgendeinen undefinierbaren Schaden hat, gibt es oft genug Gedankengänge, die verarbeitet werden wollen. Einige bilde ich dann über das Ventil Musik ab. Früher waren zwischenmenschliche Beziehungen viel häufiger mein Thema als heute, doch die damit zusammenhängende Aggression ist mir glücklicherweise derzeitig nicht so präsent und ich kann mich inhaltlich anderen, größer dimensionierten Bereichen zuwenden.
BODYSTYLER: Apropos persönliche Erfahrungen: Sicher ist Dir bekannt, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist und immer alle Eindrücke bewusst oder unbewusst irgendwo, irgendwie einordnet. Ich persönlich nehme mich da nicht aus, war aber nach der ersten Runde Sayonara doch etwas durch den Wind, da mein Hirn mit der stilistischen Zuordnung zugegebener Maßen irgendwie überfordert war. Letzten Endes entschied ich mich der Einfachheit halber dafür, Dir eine neue Schublade zu geben, wir von den Medien können und dürfen das ja. Also, halt Dich fest ... Lounge-Industrial oder Industrial-Lounge! Aus letzterem könnten wir doch sicher auch 'ne super Franchise-Kette machen! Was hältste davon?
Nin Kuji: Du stellst das Startkapital und ich denke mir schon mal ein liebloses Corporate Design aus. Dann läuft das schon mit der Lounge!
BODYSTYLER: Ja super, genau so habe ich mir das gedacht ... bist ’n fairer Kollege!
Nin Kuji: Mach Dir keinen Kopf, um die Schwierigkeiten mit der Schublade, ich bin da auch oft überfordert. Vermutlich ist die Platte ein Bastard vielfältiger Einflüsse, weit über Rhythm n Noise hinaus. Vielleicht mag man mir noch nachsagen, dass ich mich wohl stilistisch nicht entscheiden konnte, aber für mich fühlt sich die Musik in dieser Kombination richtig und gut an. Sie ist auf mich zugeschnitten, sie ist persönlich – unabhängig vom Musikstil. Die Antwort bleibe ich Dir wohl schuldig.
BODYSTYLER: Toll, ich werd aber nach Antworten bezahlt... Hah! Wie wir ja alle wissen, ist Sayonara mit Abschied gleich zu setzen. Eventuell kommt der nachdenkliche Fan mit erscheinen des Albums ins Grübeln und fragt sich, ob es das jetzt war und zukünftig von Deiner Seite nichts mehr kommt. Ist dem so? Oder habe ich die geheime Botschaft nicht wahrgenommen, die uns alle dazu animieren soll, nach dem Hören der Platte Harakiri zu begehen?
Nin Kuji: Das ist wohl eher eine Seppuku-Platte.
BODYSTYLER: ...ah ja..., Klugscheißer!
Nin Kuji: Wenn schon, dann mit Würde! Aber zum Suizid möchte ich ganz sicher nicht auffordern. Ich hoffe nicht, dass die Sayonara mein letzter Output ist. Es kann natürlich wieder dauern, denn für mich ist ein Release mit echter Daseinsberechtigung schöner als einer ohne diese. Und dieser Anspruch will erst erfüllt sein. Die Tracks der Sayonara sind mir über die Jahre ans Herz gewachsen und ich verbinde mit ihnen Erinnerungen, damit haben sie für mich an Wert gewonnen. Der Name der Platte hat diverse Hintergründe. Ist es nicht eine amüsante Idee, sein Label-Debut mit einem Wort des Abschieds zu betiteln? Vielleicht… wer weiß das schon?
BODYSTYLER: Ich, aber ich sag’s Dir nicht!
Nin Kuji: Die eigentlichen Gründe: Endlich habe ich diese Songs fixiert und kann gedanklich loslassen. Ich verabschiede mich von den Songs und der zugehörigen Zeit. Das klingt infantil, aber andere Menschen schreiben vergleichbar Tagebuch. Sayonara heißt für mich auch, dass diese Platte theoretisch als ein letzter Output funktionieren können muss. Ein ganz wichtiger Aspekt des Namens hängt aber mit der Namensfindung selbst zusammen. In dem Zeitraum, in welchem die Hauptarbeiten an der Platte zum Ende kamen, war ich sehr negativ gestimmt und zog mich extrem zurück. Das Wort des Abschieds ergab sich dann aus meinen weltfremden, oder gar weltfernen Gedanken. Die Platte begleitet in meiner Wahrnehmung den Abschied der Menschheit von dieser Steinkugel. Außerdem kann ich sie gut hören, um wenigstens für die Länge einer Audio-CD ganz weit weg zu sein und alle anderen Empfindungen auszusperren. Obwohl das oft ein eher gefährliches Spiel ist.
BODYSTYLER: Das ist tief...! Lassen wir also dem Leser an dieser Stelle mal ’ne Minute, um das wirken zu lassen und springen derweil vom Ende doch mal zum Anfang. Magst Du uns berichten, wie Du zur Musik gekommen bist? Traumatisches Erlebnis in der Kindheit oder zu untalentiert für die Malerei?
Nin Kuji: Beides trifft glücklicherweise nicht zu. Wie viele junge Menschen suchte ich vor Jahren nach Möglichkeiten des Ausdrucks, nach Ventilen für Erlebtes und Erdachtes. Musik habe ich seit meiner Kindheit immer als sehr emotionales Ausdrucksmittel empfunden und so wurde diese zu einem einnehmenden Interessensgebiet. Selbst aktiv wurde ich dann, als ich mit immer mehr elektronischer Musik konfrontiert wurde und eine Möglichkeit sah, diesen Weg auch ohne den obligatorischen Blockflöten- und Gitarrenlehrer in der Kindheit – diese Chance habe ich irgendwie verpasst – zu gehen. Autodidaktisch versuchte ich mich also an Aufnahmemöglichkeiten und improvisierter Klangerzeugung, später kamen dann mit steigendem Wissen richtige Sequencer und Sampler, sowie diverse virtuelle Werkzeuge an der Rechenmaschine dazu. Und dann waren auch schon ein paar Jahre vergangen…
BODYSTYLER: Was hältst Du denn von Alternativen zur Entfaltung und Entspannung? Vielleicht einen eigenen Zen-Garten oder meditatives Sushi rollen?
Nin Kuji: Die Frage erschwert mir eine tiefergehende Antwort.
BODYSTYLER: Ich habe keine qualitativ hochwertigen Fragen versprochen!
Nin Kuji: Kurz: Ich habe selten das Gefühl von Ruhe und Entspannung. Irgendetwas will ich immer erledigen, erdenken, konzeptionieren oder umsetzen. Leider alles Dinge, die meinen gesellschaftlichen Status nicht anheben. Ich bin ein komplett falsch gepolter Workaholic.
BODYSTYLER: Vielleicht kann ich Dich mit einem Witz runterbringen, lachen soll ja Wunder bewirken. Wie wurde das Jodeln erfunden? — Zwei Japaner waren auf einer Bergtour. Plötzlich fällt ihr Radio in eine Schlucht. Sagt der eine Japaner zum anderen: „Holidiladio odel Holdudiladio?“ - Wie findste den?
Nin Kuji: Eine der skurrilen Erfindungen der Menschen sind Witzebücher. Wenn Du Dir nachts den Zeh an der Tür stößt und laut gegen den Schmerz lachst, dann kann das durch kein japanisches Radio ersetzt werden.
BODYSTYLER: Du hast aber auch an allem was auszusetzen. Also genug des flachen Spaßes auf asiatische Kosten und zurück zum Thema. Wirst Du Dein neues Album auch Live promoten?
Nin Kuji: Wenn sich wieder Möglichkeiten für Konzerte ergeben, werde ich sicher auch Songs des Albums spielen. Teilweise sind diese aber auch schon jahrelange Begleiter bei Live-Interpretationen. Bei ein paar Liedern wird es schwierig, da ich sie nicht so einfach auf meiner mobilen Rechenmaschine umsetzen kann und die zugehörigen Hardware-Instrumente nach Jahren des intensiven (Live-)Gebrauchs nicht mehr so gerne durch die Gegend getragen werden. Auf keinen Fall spiele ich eine 1:1-Umsetzung des Albums live, das wäre ja auch für die Hörer langweilig. Das Material und die Werkzeuge zum Livespielen sind nur ungenaue, aber aufeinander abgestimmte Konstrukte, die dann entsprechend meiner Emotion immer etwas anders interpretiert werden. Wenn ich mich dann im richtigen Fluss befinde, formt sich der Rest fast von alleine. Und ich nehme nichts mehr um mich herum wahr.
BODYSTYLER: Das klingt ja fast nach Improvisationstheater meets Ü-Ei - spannend! Es scheint sich also zu lohnen, die Augen nach NIN KUJI Live-Terminen offen zu halten! Damit Du Dich in Ruhe darauf vorbereiten kannst und auch etwas Entspannung findest, sage ich an dieser Stelle „Arigato“ für Deine Zeit und die Beantwortung der fragwürdigen Fragen!



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Homepage: NinKuji.de

© 2010 // Bodystyler Electrozine //
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