Für's Leben lernen mit Kaaja Hoyda

Ballkontakt

Es gibt Dinge, da sollte man einfach partout die Finger von lassen. Und zwar selbst dann, wenn Kim Jong Il persönlich einem eine 8-Millimeter-Kanone an die Schläfe hält. BUNGA-BUNGA MIT BERLUSCONI gehört dazu. Aber auch, darauf zu vertrauen, dass sie schon die Pille nimmt. Und niemals frisch gekochte Kartoffeln mit den nackten Händen pellen! Auf jeden Fall aber sollte man einmal beendete Karrieren endgültig ruhen lassen. Das gilt für Serienkiller und Diktatoren genauso wie für Kinderstars, Alkoholiker und Atomkraftwerk-Liquidatoren. Ich für meinen Teil machte kürzlich den Fehler, unter Einfluss von aufputschendem Cortison und nörgelnden Freunden nach mehr als 25 Jahren Pause meine Fußball-Karriere neu zu starten. COMEBACK IN DER HALLE, SÜD-HANNOVER. Eigentlich hatte ich mein letztes Spiel Ende der 80er absolviert. Als Vorstopper, Rausklopper, Einschüchterer der Stürmer-Winzlinge aus der gegnerischen C-Jugend. Die Wahrheit ist: Ich wusste, warum es vorbei war. Fußball ist langweilig. Ball hin und her, Ball nach vorne und hinten, Ball zurück, Ball im Aus. TELEFONBUCH LESEN IST SCHÖNER. Und trockene Haferflocken essen auch. Sogar Fingernägel schneiden. Und Zahnarzt an einem Regentag.

Ich hatte mir das Tor gesichert. Hielt ich für angebracht. Ein bisschen herumstehen, der Abwehr „Ran da!“, „Hau ihn weg!“ und „Zurück!“ zubrüllen – und ihr die Schuld geben, wenn das eigene Netz dennoch wackelt. Eine einfache Sache. War es auch, jedenfalls die erste Minute ohne Ballkontakt. In der zweiten Minute war dann Ballkontakt. Ich erwachte in einem Krankenwagen. DER MANN VOM ROTEN KREUZ LEUCHTETE IN MEINE AUGEN, als würde das was bringen. „Fahr ma’ schneller“, brüllte er. „Der ist ganz bleich!“ „Ist ja auch umgefallen wie eine Bahnschranke“, kam es vom Fahrersitz. Aha, die Kollegen hatten wohl geplaudert. Die beiden Nothilfe-Profis brachten mich jedenfalls in eine Klinik-Ambulanz. Dort diskutierte eine dicke Schwester mit einer dünnen Schwester darüber, wer wohl als nächste die Tage bekommt. Na, reizend. Der Arzt war ein Lockenkopf ohne Humor. „Sie sind umgefallen wie eine Bahnschranke. Ihre Schulter ist ausgekugelt“, eröffnete er mir. „Kommen daher etwa die Schmerzen?“, versuchte ich einen trockenen Witz. „Ja“, sagte er. Hatte er nicht verstanden. DAFÜR VERSTAND ER WAS VOM SPRITZEN GEBEN, UM DEM VERUNFALLTEN DIE PEIN ZU LINDERN. Und was soll ich sagen? Die chemische Industrie hat schon viel Unheil angerichtet, da bin ich sicher. Doch an diesem Abend, da war ich ihr dankbar. Ich flog ab. Schulter - wo ist die? Sorgen - wo sind die? Ich selbst – wo bin ich? Ach, egal! Von dieser Liege stehe ich nie wieder auf!

Während er an meinem Arm herumrupfte und die Gelenkpfanne suchte, den Fuß kräftig in meine Rippen gestemmt, erlebte ich das Fußball-Spiel meines Lebens. Jede Flanke, die mich erreichte, versenkte ich im Tor. FALLRÜCKZIEHER, MEIN LOCKERSTES SPEZIALGEBIET. Doppelpässe mit brillantem Abschluss folgten Kopfstößen aus der unmöglichsten Lage. Schließlich schoss ich Deutschland ganz alleine zur Weltmeisterschaft – Endstand 31:0. ALS MILLIONEN JUBELTEN, HATTE DOKTOR LOCKENKOPF DEN ARM WIEDER DRIN. Ich bleibe dabei: Von Comebacks sollte man die Finger lassen. Das sorgt nur für Ärger, Schmerzen und unnötig peinliche Auftritte. Manche fallen dabei eben um wie eine Bahnschranke. Wenn, ja, wenn es aber nicht anders geht: Kümmert Euch um einen Leibarzt mit einer goldenen Lösung!




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Kaaja Hoyda ist Aushilfskellner in einer Pizzeria, anerkannter Sport-Kommentator, der Lieblingsautor der Chefredaktion und nebenbei Sänger und Texter der Band Stendal Blast. Mehr über ihn unter Stendal Blast
 
 
 
 
 
 
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Rastplätze des Grauens

Man darf sich da nichts vormachen: Fernsehen verändert den Menschen und seine emotionale Welt. Ich selbst bin BEKENNENDER DAUERGLOTZER. Mein Tag beginnt nicht mit dem Druck auf den Kaffeemaschinenknopf, sondern mit dem auf die Fernbedienung. Wenn in der Fischstäbchenfabrik, in der ich glitschiges Alaska-Getier mit Panade abdusche, mal frei ist, kann ich durchaus den Tag wegzappen. Bauer sucht Frau – ich suche mit! Doktor House – ich google parallel nach Differentialdiagnosen! Tiere-Quiz auf Sat1 – mein Telefon glüht dabei!

Für die tiefste Prägung meines Lebens durch die Television sorgte Eduard Zimmermann. Er selbst behauptete, Kinder und Jugendliche hätten kaum Angst vor seiner XY-ungelöst-Show gehabt. Das stimmt auch. Denn die Wahrheit ist: Die Angst kam immer erst hinterher! Alle vier Wochen gab es eine Freitagnacht zu überstehen, in der mich GRUSELIGE PHANTOMBILDER VON MÖRDERN aus dem Münchener Stricher-Milieu in die Träume begleiteten. Juweliere wurden mit Kabeln an einem Stuhl festgebunden und brutal ausgeraubt. Arglose Rentnerinnen schenkten Männern mit ausländischem Akzent zu viel Vertrauen – und lagen schließlich wochenlang tot auf dem Teppich, bis der Geruch die Nachbarn alarmierte. Bankräuber mit fiesen Strumpfmasken scheuten sich nicht, hilflose Sparkassen-Kunden mit abgesägten Schrotflinten zu bedrohen. Und über allem schwebte – neben der herzfrequenzerhöhenden Musik – die Botschaft: Das alles kann auch dir passieren!

Jetzt, hier, immer, überall! Ganoven-Ede hat vor allem zwei Verhalten bei mir bewirkt. Die erste: Ich nehme grundsätzlich keine Anhalter mit. Selbst in dem harmlosesten Hippie, der von meiner Heimatstadt Castrop-Rauxel auf der A 2 zu einem Rockkonzert nach Berlin will, erkenne ich einen UNFASSBAR BRUTALEN MASSENMÖRDER oder mindestens einen Straftäter auf der Flucht. Keine Frage, sein freundliches Gesicht ist nur gespielt – in seinem ausgefransten Psychopathen- Rucksack verbirgt sich eine Machete, mit der er mich massakrieren wird. Und klar ist: Wäre ich ein Mädchen, sagen wir Jenny oder Michaela oder Kaajina, und wollte von der Disko nach Hause, weil kein Bus mehr fährt – dann würde ich niemals in ein fremdes Auto steigen. Selbst, wenn der Fahrer der Pfarrer oder eine 70-jährige Oma ist.

Am nachhaltigsten hat Zimmermann allerdings mein PINKELPAUSEN-VERHALTEN AUF LANGEN AUTOBAHNFAHRTEN geprägt. Gibt es in Deutschland einen Rastplatz, an dem nicht irgendwo im Unterholz verscharrt eine Leiche liegt? Nein, gibt es nicht. Wie viele ukrainische Lkw-Fahrer hat Zimmermann beim Austreten am Straßenrand ein halbverwestes Mordopfer finden lassen? Tausende, ja vielleicht Millionen! Und alle begleiten mich, wenn es mich selbst pressiert, nachts, im Dunklen, auf der Autobahn. Glaubt Ihr etwa, ich halte dann an, gehe ein Liedchen pfeifend ins Gestrüpp und erleichtere mich? Niemals. Viel zu groß ist das Risiko, dass mich plötzlich tote Augen aus dem Laub anglotzen. Ich halte an – bis ich zuhause bin, in meinem sicheren Klo. Keine Frage: XY ungelöst hat lange vor Al-Kaida der DIKTATUR DER ANGST das Bett bereitet. Auch in meinem kleinen Schlafzimmer.

Und was lernen wir daraus? Angst, die ist nur durch Training zu überwinden. Fahrt rum – und sucht Anhalter!




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Kaaja Hoyda ist Pantoffel-Träger, Grießbrei-Esser und konfirmiert. Ganz nebenbei ist er auch noch Sänger und Texter der Band Stendal Blast. Mehr über ihn unter Stendal Blast
 
 
 
 
 
 
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Murgh


Nein, mit dem Essen habe ich es gar nicht so. Ich kann ganz gut OHNE KULINARISCHEN WAHNSINN. Während meiner Ausbildung zum Shaolin-Mönch in Kalkutta etwa aß ich drei Jahre nur Kellerasseln mit Steintreppenstaub. Als ich mich später, zurück in Europa, auf dem Bau verdingen musste, sparte ich Geld, indem ich STYROPOR-RESTE MIT NACH HAUSE nahm und eine Suppe draus kochte. Heute begnüge ich mich gerne mit einem Leberwurstbrot, einem Teller Zwieback mit Milch oder einem 30er-Pack Wassereis. Hin und wieder, da überkommt mich jedoch die Gier nach Murgh. Indisches Murgh. Weich und ohne Fasern, in einer schlabberigen Sauce, die zu 98 Prozent aus Sahne und zu 2 Prozent aus dem Stirn-Schweiß des Kochs besteht. Dann kann ich nicht anders – und gehe in das kleine Restaurant am Ende der Straße. Das mit den überheblichen indischen Kellnern, Ihr wisst schon. Es könnte jedes indische Restaurant sein.

Doch wenn man sich was gönnt, muss man auch was einstecken. Bei mir sind das meist die anderen Gäste. Kürzlich, mein Murgh stand dampfend und brodelnd vor mir, wiederholte sich das Spiel der Stereotype. Um mich herum die drei klassischen Tische. Am ersten: drei Generationen, Vater, Mutter, Tochter, Kleinkind, dazu der Vater des Kleinkinds, der Erzfeind des Vaters. Dann die beiden Schulfreundinnen, die sich nach 15 Jahren mal treffen, um zu klönen. Und schließlich das schweigende Pärchen auf der Suche nach Romantik zwischen einer BILLIGEN METRO-KERZE und einem Knoblauch-Gericht.

Mein Murgh schmeckt plötzlich fad, als das Kleinkind zum ersten Mal durch den Laden läuft und Bodenvasen umwirft. Tochter steht auf, rennt hinterher. Alle gucken. Süß, dieser Freiheitsdrang. Süß, die Kleine. Süß, kaum aufzuhalten. Süß, so lebendig. Kein anderes Thema mehr. Nur süß. Alle gucken immer nur aufs Kind! Kaum ist der Nachwuchs eingefangen, geht es schon wieder ab in die Botanik. „Süß“, sagt der Kellner, der die Vasen wieder aufstellt – und denkt: „HAUT BLOSS AB!“ Mein Murgh wird kalt, als ich den Schulfreundinnen zuhöre. „Und? Was macht dein Jens so?“, „Ach, alles klar, ja, ja.“ Pause. „Ist gemütlich hier, was?“, „Ja, hast Du toll ausgesucht. Und so nah an der U-Bahn.“ Pause. „Was macht die Arbeit so?“, „Muss ja, ne, muss. Aber ist hart manchmal in diesen Zeiten. Viel zu tun.“ Pause. „Es gibt unheimlich viele fette Kinder, oder?“, „JA, IST MIR AUCH SCHON AUFGEFALLEN. WORAN LIEGT DAS?“, „Hartz IV, bestimmt.“, „Ja, ja, schlechte Ernährung. Und die Eltern passen nicht auf.“ Etwas Murgh kommt mir hoch, als ich das schweigende Pärchen betrachte. Sie hat sich schön gemacht, mit Rouge und Kajal und Zopf. Nützt aber nichts, er hat TENNISSOCKEN an. Stundenlanges Geblättere in der Speisekarte, kein Wort. Hilflose Blicke in den Raum, aneinander vorbeischauend. Er nimmt ihre kühle Hand, sie friert immer so. Sie nimmt sie schnell weg, kratzt sich an der Nase damit. Sie spielt mit dem Herz-Anhänger um ihren Hals. Ihm fällt nichts mehr ein. Unter dem Tisch wackelt er immer mit dem rechten Bein.

Ich halt’s nicht mehr aus, LASSE DIE HÄLFTE MURGH AUF DEM TELLER. Gebe vier Euro Trinkgeld, der Kellner soll nicht glauben, es hätte nicht geschmeckt. „Hat es nicht geschmeckt?“, fragt er trotzdem. „Doch, doch, war nur alles zuviel“, sage ich. „Hau bloß ab!“, denkt er. Draußen tiefer Atemzug, der Sternenhimmel.

Was haben wir gelernt? Nichts, absolut nichts geht über ein gut gemachtes Murgh. Außer Ruhe mit Leberwurstbrot.


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Kaaja Hoyda hat keinen Kräutergarten, aber einen leeren Keller, fährt auf dem Rummel gerne Mexikaner-Hütchen und ist nebenbei Sänger und Texter der Band Stendal Blast. Mehr über ihn unter Stendal Blast
 
 
 


 
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Cry me a river!


Weinen ist nichts für echte Männer! Das hat mir jedenfalls vor Jahrzehnten eine Kindergärtnerin beigebracht, nachdem mich einige Jungs auf dem Weg in die Kita mit einer Zaunlatte grün und blau geprügelt hatten. Ich solle sofort aufhören, das sei ja peinlich, beschwor sie mich, während sie mir die Rippen in die alte Position bog und mir vorher einen Teddy als Beißkeil in den Mund gestopft hatte. Das hat sich eingebrannt.

Ich weinte nie wieder. Ich weinte nicht, als mich meine erste große Liebe verließ und mir das auf der Rückseite eines Fotos schrieb, auf dem sie mit ihrem Neuen knutschend vor dem Eiffelturm zu sehen war. Ich weinte nicht, als meine Gruppe in Hanoi von Charlie aufgerieben wurde, weil ich bei der Wache eingeschlafen war. Ich weinte nicht, als bei meiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft am Bahnhof ein Kinderchor „Kein schöner Land“ sang. Ich weinte nicht, als Prinzessin Dianas Mercedes kaputt ging. Ich weinte nicht, als Helmut Kohl zum ersten, zweiten, dritten und vierten Mal Kanzler wurde. Ich weinte nicht mal beim Zwiebelschneiden – dabei war ich lange Jahre Oberschäler im VEB Knollengemüse in Schkeuditz.

Erst kürzlich dann, da weinte ich. Huch, dachte ich, was ist das? Mir lief etwas Feuchtes die Wange runter. Blut? Nein, das Zeug war durchsichtig und kam aus meinen Augen. Das waren Tränen! Verrückt, wieso bekomme ich hier - auf dem Bett liegend, der Fernseher läuft, das Fenster zu - eigentlich eine Allergie? Doch auch das war es nicht. Nichts juckte, die Atmung frei. Es war etwas anderes. Es war Julia Leischik, die mich zum Weinen brachte. Ach was, zum Heulen, zum Flennen, zum Jaulen. Längst bestand mein Gesicht nur noch aus Flüssigkeit. Julia Leischik, die Gute. Julia, allein der Name, ein Traum!

Die Dame moderiert die Sendung „Vermisst“ auf meinem Lieblingssender RTL. Kurz gesagt: Darin hat sie 30 Minuten Zeit, durch die Welt zu düsen, um einen schmerzlich vermissten Menschen aufzutreiben. Ein Beispiel: Elke lässt sich in den 70er Jahren in Naumburg hinter einer Disko von dem US-Soldaten James schwängern. Jahre später bekommt Tochter Petra plötzlich Sehnsucht nach ihrem Daddy. Jetzt kommt Julia. Es gibt nur maue Infos: James hieß früher mit Nachnamen Ryan, hatte einen Schnauzer und eine Hammerzehe. Das war’s. Aber ihr reicht das. Am Ende bringt sie James und Petra Ryan in einem Park in Büdelburg zusammen.

In der Folge, die mich zum Weinen brachte, erfüllte Julia den letzten großen Lebenswunsch einer 111-Jährigen aus Pirmasens. Diese wollte noch einmal ihre ältere Schwester knuddeln. Und Julia machte es möglich. Die beiden Silberrücken fielen sich nach 110 Jahren Trennung in einem Park in Büdelburg in die Rollstühle. Ja, und da schoss es aus mir raus. Es quoll und sprudelte, ein kaputtes Bohrloch ist nichts dagegen. Ich schluchzte, jammerte und seufzte die Tiefschläge letzten 33 Jahre aus mir raus. Eiffelturm, Hanoi, Kanzler Kohl, Dianas Mercedes – alles landete als Salzwasser in meinem Kopfkissen. Ich verlor etwa 4 Kilo an diesem Abend – und musste eine neue Hose kaufen. Nicht nur deswegen schrieb ich Julia eine Karte. Du bist ein echter Brüller, stand drauf.

Und was lernen wir hier heute? Wenn Euch jemand zum Weinen bringt, kann man auch mal Danke sagen.

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Kaaja Hoyda ist blitzgescheit, schläft auf einem Futon, spricht 16 Sprachen nicht flüssig und ist nebenbei Sänger und Texter der Band Stendal Blast
 


 
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Wo ist Minky?


Tiere töten – das war noch nie mein Ding. Jede Kreatur hat ein Recht auf ein würdiges Leben. Und sei es auch eine sprechende, handtellergroße Kakerlake in einer BAR IN BANGKOK. Das dachte ich schon, als meine Kinder-Clique noch in den Wald lief, um Frösche aufzublasen. Ich musste mit ansehen, wie die kleinen Kröten reihenweise platzten und in erdfarbenen Fetzen zurück in den Tümpel fielen. Und aufgefordert, es selbst zu tun, blies ich nicht in den Strohhalm, sondern sog daran: Das vermied das Drama, hinterließ lediglich einen pelzigen Geschmack im Mund - und eben einen verdutzten, aber sehr glücklichen Frosch.

Jahre später, ich war inzwischen Geschäftsführer einer Trinkhalle in Essen-Rüttenscheid, passierte das, was nie passieren durfte. Ich kam am frühen Morgen nach Hause. Tau lag auf den Wiesen, ein leichter Nebel zog durch die Straßen. Ich steuerte meinen PORSCHE TARGA in die Straße, in der ich wohnte. Sehr langsam, ich war einfach müde. Plötzlich tauchte rechts eine Katze auf. „Hübsches Tierchen“, dachte ich noch, als das unglückliche Ding plötzlich einen Satz auf die Straße machte – direkt vor meine Karre. Dann hörte ich ein kurzes Platzen, GEFOLGT VON EINEM SCHLEIFGERÄUSCH.

Ich brachte den Wagen zum Stehen – es war eine Katastrophe. Von wegen neun Leben: Das Kätzchen war auf geschätzten sieben, acht Metern verteilt. Dort ein Pfötchen, hier ein Ohr, ganz hinten der Schwanz. Und aus den Gedärmen stieg warmer Dunst in den kühlen Morgenhimmel. „Das war eiskalter Suizid“, beruhigte ich mich. Und fiel wenig später in einen unruhigen Schlaf. Tage später, das Unglück war gerade halbwegs aus meinem Bewusstsein getilgt, trat ich vor die Tür – und sah, dass an allen Laternen meines Viertels kleine, bunte, mit Kinderschrift BEKRITZELTE ZETTELCHEN hingen. „Wo ist Minky?“, las ich darauf. Und: „Sie fehlt uns“. Dazu ein Bild von dem Tier mit einer Adresse. Kein Zweifel: Ich wusste, wo Minky war. Man konnte noch ihre Reste erkennen – sie sah aus wie graue Pappe, über die hunderte Autos gefahren waren.

Mir fuhr es brutal heiß in die Glieder: was nun? Ich rief meinen Anwalt an – er beruhigte mich. Wenn es Katzen-Suizid war, dann hatte ich nichts zu befürchten. Doch wie die moralische Schuld begleichen? Sollte ich mich mit einem Bambusstöckchen selbst kasteien? Sollte ich ab sofort immer HEFTZWECKEN IN MEINE SCHUHE legen?

Ich entschied mich für die Offensive. In einer Zoo-Handlung erstand ich ein kleines Katzen-Junges. Ich kaufte ein Körbchen, ein Schleifchen und ein Wollknäuel. Das Schleifchen kam um die Katze, Wollknäuel und Katze schließlich in das Körbchen. Das ganze Paket stellte ich schließlich vor die Haustür an der angegebenen Adresse – dazu ein Zettel: „Ich bin’s, Minky. Ist erst mein zweites Leben!“. Alles sah unheimlich süß aus. Eigentlich fehlten nur noch Kerzen. Als ich im Weglaufen kindliche Jubelschreie hörte, FIEL ALL DAS UNGLÜCK AB von meinem Herzen. Ich war wieder der Alte – der, der keine Frösche aufbläst.

Und was habt Ihr gelernt hier? Gegen Suizid kann man kaum was machen. Gut, dass Katzen irgendwie doch neun Leben haben. Und Ablass-Handel ist zwar nicht fortschrittlich – beruhigt aber ungemein.

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Kaaja Hoyda ist Langschläfer, gelernter Bademeister, ein Frühchen gewesen und nebenbei Sänger und Texter der Band Stendal Blast
 


 
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Gefangen im Pudding-Rausch


Es ist klar, dass alle immer glauben, das Leben als Rockstar sei ein einziges Glück, ein Dauerknabbern an Zuckerwatte. Dein Geldbeutel ist DICK WIE EIN BRATAPFEL, an jedem Hoteleingang kannst Du ein williges Mädchen pflücken, Deine Karre hat 1000 PS. Die Wahrheit aber ist: Rockstar sein, das ist wie Frontleben. Fern der Heimat, immer im Stoßtrupp unterwegs, umgeben von schwerem Gerät, dem Dauerbeschuss der skandalgeilen Musik-Presse ausgesetzt. Du passt eine Sekunde nicht auf – und ein Jungspund am Keyboard schmeißt einen Granaten-Hit auf’s Schlachtfeld, der Dich von Deiner geliebten Alternative-Charts-Position schleudert. Die Backstage-Räume sind wie Bunker, die Warterei frisst Deine Nerven auf – und der NAHKAMPF MIT DEM PUBLIKUM kann bitter enden, wenn Du nicht die Hosen runterlässt.

Da wundert es nicht, wenn zahlreiche Kollegen Probleme mit Ersatzstoffen haben. Sicher, Koks ist Standard. Hasch gehört zum guten Ton. Und einmal traf ich einen japanischen Elektro-Musiker, der war abhängig von HALB-DURCHGEBRÜTETEN HÜHNEREIERN. Er grinste, wenn er den weichen Baby-Schnabel durchkaute. Aber alles Heroin vom Blech ist nichts gegen die Droge, der meine kleine Band Stendal Blast vor einigen Jahren auf einer ausgedehnten Europa-Tournee verfiel. 120 Konzerte in 110 Städten – und das alles in 60 Tagen. Da braucht man etwas, an dem man sich festhalten kann. Unsere Droge wurde „Monte“. Bereits am zweiten Tag der Tour hatten wir den ersten Kontakt zu dem Suchtstoff.

Hinter der Bühne in einem Club in Nürnberg, neben den schwitzenden Käsebrötchen und den dünnen Kaffee-Bechern, stand das Zeug. „Monte“, das ist ein KINDER-PUDDING. Unter einer Schicht Milchcreme versteckt sich eine Haselnuss-Klebe. 100 Gramm haben 13,3 Gramm Fett und 15,9 Gramm Kohlenhydrate. Effizienter ist nur Butter! Aber wenn Du den ersten Löffel in die Schnute schiebst, dann glaubst Du, dass Weltfrieden möglich und alles in Ordnung ist. Der Brei liebkost Deinen Gaumen, der Zucker geht sofort ins Blut, alles wird bunt und fröhlich. Solange es diese leckere SEELEN-SCHMIERE gibt, gibt es keine Revolution.

Natürlich kann man nicht aufhören, wenn man einmal angefangen hat. Ein Becherchen sind gerade mal zwei Löffel. Ist das erste Becherchen gekillt, folgen Nummer zwei und drei und vier und fünf. Bis ins Blutfett-Koma. Wir befahlen unserem Manager, die Käsebrötchen abzubestellen – „Monte“ sollte fortan UNSERE KRAFTQUELLE sein. Wir waren schnell im Wahn. Im Tourbus gab es „Monte“ - vor dem Schlafengehen in der Koje streichelten wir die Packungen im Kühlschrank und wünschten eine Gute Nacht. Backstage gab es „Monte“ – aufgestellt auf Tapeziertischen. Auf’s Klo nahm man ein Becherchen „Monte“ mit. Einmal, ich gebe es zu, unterbrach ich ein Konzert, um hinter dem Vorhang schnell ein „Monte“ wegzuschlabbern. Monti, der kuschelige Pudding-Hund und Maskottchen des Produkts, wurde unser IMAGINÄRER BEGLEITER. Er schrieb sogar die Texte für unser viertes Album.

Rund 12.500 Becherchen Monte später war die Tour beendet. Wir waren geschwollen wie Kaulquappen, mit unserem Blut konnte man Kaffee süßen, unser Zahnschmelz war weich wie Gelatine. Monti, der Pudding-Hund, begleitete uns nach Los Angeles IN EINE ENTZUGSKLINIK. Die Behandlung fraß unseren Tour-Gewinn auf. Unsere Bauchspeicheldrüsen wurden für ein Lehrbuch fotografiert.

Wir haben gelernt aus der Sache. Das wollen wir teilen. Nur Käsebrötchen fördern den Umsturz – je älter sie sind, desto mehr.


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Kaaja Hoyda ist Sauna-Gänger, Volvo-Fahrer, Beth-Ditto-Fan und nebenbei Sänger und Texter der Band Stendal Blast
 


 
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Demut auf dem Standstreifen


Ich bin es als UNVERBESSERLICHER SOZIALIST gewöhnt, keine großen Bedürfnisse zu haben. Mein Fernseher ist ein Foto, mein Bett eine Kuhle im Parkett und mein Essen Zwieback mit Milch. Auch gebe ich meistens alles her: Vom Kapitalismus gebeutelte Schnorrer bekommen ein 50-Cent-Stück, jeder darf mal abbeißen und billige Musik-Blättchen in unlesbarem Kleinstformat sahnen eine kostenlose Kolumne von mir ab.

Ich habe einen Typus Hemd in acht dunklen Farben – das sagt im Grunde alles über mich. Nur einmal, da habe ich mich gegen den PURISMUS entschieden, da habe ich einen ALFA ROMEO gekauft. Alle hatten mich gewarnt. Der rostet Dir unterm Hintern weg, wussten einige. Andere sagten, ich könne dann meinen Wohnsitz in die Werkstatt verlegen. Ich wollte nicht hören. Und so wurde mein enthemmter Drang, auf den Straßen dieser Republik schmierige GESCHÄFTSLEUTE zu jagen, natürlich bitter bestraft. Und das gleich am ersten Tag.

Die 277 PS machten mächtig Eindruck und rotzten unverbranntes Benzin aus dem Auspuff. Der Wagen wollte Gas, verlangte danach wie ein Raucher mit leerem Feuerzeug. Vergessen waren die 13.500 Mark in 72 bequemen Raten, als ich vom Hof des Autohändlers dampfte. An der Ampel gierten die Frauen nach mir – und dank der TIEFERLEGUNG konnte ich ihnen sogar fast unter den Rock gucken. Es ging direkt zur Autobahn, auf die A 43, Richtung Münster. Da dort niemand freiwillig hinfährt, war die Bahn natürlich frei. Nur ich, kein Tempolimit und ein graues Band, das ich mit einem Finger am Lenkrad locker bezwingen konnte. SCHEISS AUF MARX, dachte ich, es lebe der BOXERMOTOR!

Ich fuhr gerade 207 km/h, als ein BMW vor mir auftauchte. Erst klein, dann immer größer. Ich riskierte einen Blick. Innen saß ein junger Kerl mit GOLDKETTCHEN, PILOTEN-BRILLE und GEL-FRISUR. Wunderbar! Mein Opfer! Er war fällig! Ich drückte auf den Pinsel – er auch. Wir schauten gequält cool, in der Sitzschale sammelte sich der SCHWEISS, herausgedrückt durch eine grenzwertige Pulsfrequenz. 212, 221, 232 km/h. Die Welt ein Rauschen. 238, 244, 247 km/h. Italien und Bayern Kopf an Kopf. Bei 253 km/h erwischte es mich. Plötzlich drang dichter, dunkelgrauer Qualm am Schalthebel vorbei in den Innenraum. Innerhalb von drei Sekunden sah ich nichts mehr und musste husten. Ich ließ die Fenster herunter – und konnte gerade noch erkennen, wie der BMW-Typ mir den Stinkefinger zeigte und grinsend weiterfuhr. Na, toll, dachte ich und brachte meinen schwarzen Schrott auf dem Seitenstreifen zum Stehen.

Über die Ackerfläche neben der Bahn zog eine Rauchwolke, Flammen züngelten auf dem Auspuff, angefacht von auslaufendem Getriebe-Öl, irgendwo nagelte ein Traktor durch die Erde. Ich dachte an die 72 bequemen Raten, während ich an der Notrufsäule den GELBEN ENGEL anflehte, schnell zu kommen. „Hat man sie nicht gewarnt?“, fragte er, als er mich und mein italienisches Auto sah. „Nein“, sagte ich. „Keiner hat irgendwas gesagt.“ Den Mann vom ADAC – und das könnt Ihr heute hier lernen – darf man anlügen. Er kennt es nicht anders. Beim Weihnachtsmann, da müsst Ihr nach wie vor aufpassen...

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Kaaja Hoyda ist Querulant, eine unfassbare Nervensäge und nebenbei Sänger und Texter der Provo-Rock-Band Stendal Blast
 


 
 
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Ein Hoch auf den Kliniksex


Wenn man von sechs Tassen Kaffe bei gleichzeitigem Konsum von Pfefferminzdragees und „Camel ohne“ Sodbrennen kriegt, dann ist das kein großes Ding. Merkwürdig wird’s, wenn man Sodbrennen, so wie ich, bereits von einer Banane oder einem Toast ohne Butter bekommt. Erschwerend kommt hinzu, dass ich in meiner Zivildienstzeit mal einen Mann zum Röntgen bringen musste, der an Vernichtungsschmerz litt. Das ist ein Schmerz, der so stark ist, dass er sogar eine Ohnmacht verhindert. Und der Grund? Ganz klar: immer Sodbrennen und Cola drauf, bis der Magen bricht. Der Mann ist mir auch deswegen in Erinnerung geblieben, weil er zwei Liter Galle aus dem Bett spuckte. Dabei forderte er immer meine „Hilfe“ an. Aber was hätte ich tun sollen? Ihn anzünden und so den Schmerz überdecken? Ihr seht: Sodbrennen muss man ernst nehmen.

Es wurde also Zeit zum Handeln. Ich fackelte lange und rief einen Gastroenterologen an; das ist ein Arzt, der Menschen Schläuche mit Lampen dran reinsteckt und dabei mit Fachwortchinesisch („Protonenhemmung“, „schöne Kurvatur“, „Pylorus wackelt“) die Schmerzenslaute überquatscht.

Ich brauchte nichtmal was unterschreiben oder so. Er klärte mich nur auf, dass in der Regel „Männer sowas ohne Beruhigungsspritze gut überstehen“. In der Zeit musste ich den Oberkörper freimachen; dies hatte mir seine Arzthelferin befohlen, ein altes, dickes Mädchen mit weißen Söckchen, durchgelatschten Schlappen und Fielmann-Brille. Sie war es auch, die mich umschlang, um mir jede Abwehrmöglichkeit zu nehmen. Dabei kroch ihr „4711“-Duft aus ihrem Ausschnitt direkt in meine Nase. Kliniksex hatte ich mir anders vorgestellt.

Währenddessen fummelte der Obermedizinalrat mir eine Art Beißkeil mit Loch zwischen die Zähne. „Locker draufbeißen!“ sagte er, und ich hatte gut Lust, ihm in den Arzt-Hintern zu treten. Ein Sekündchen später rammte er den Schlauch durch das Beißkeil-Loch. „Schlucken!“ ächzte er, dann nochmal: „Schlucken!“. Ich war baff. Dass ich mich mal in dieser Rolle befinden würde, nahm mir zusätzlich den Atem.

Während er den Schlauch vorantrieb, was eindeutig ein Begriff aus dem Tunnelbau ist, musste ich heftig würgen. Er glotzte derweil unbeeindruckt auf den Monitor. Dann sagte er: „Ruhig atmen. Ruhig atmen!“ Ich wollte fragen: „Hast Du schon mal beim Kotzen geatmet?“ - aber auch Sprechen ging nicht. Es ging dann weiter wie bei einer Karussell-Fahrt, die zu lange dauert; er bewegte den Schlauch zigmal vor und zurück. Das dauerte etwa acht Stunden und zehn Tode.

Das Finale bestand daraus, dass er den Schlauch ruckartig aus mir herauszog und ich dabei explosionsartig sabbernd in die sitzende Position schnellte; beim Bodenturnen wäre das volle Punktzahl gewesen. Blau angelaufen kauerte ich vor ihm, und er postulierte: „Sehen Sie, war doch nicht so schlimm.“ Mit verheulten Augen sah ich auf die Uhr: 10:45.

Und was haben wir heute hier gelernt? Wenn Ihr um kurz vor elf von der Magenspiegelung kommt, bleibt noch Zeit für den Urologen.

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Kaaja Hoyda ist freiberufliches Großmaul, staatlich examinierter Schamane und nebenbei Sänger der Band Stendal Blast
 


 
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